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BYD Seagull Gen 2 im Technik-Check: Das 129-PS-Upgrade für den Angriff auf den Dacia Spring

BYD Seagull Gen 2
BYD Seagull Gen 2

BYD rüstet seinen weltweit millionenfach verkauften Kleinstwagen für den anstehenden Export nach Europa grundlegend auf: Die zweite Generation des BYD Seagull (auf ausgewählten Märkten auch als Dolphin Mini bekannt) erhält einen kräftigen Leistungssprung von bisher 55 kW auf nunmehr 95 kW (129 PS). Gepaart mit der bewährten Blade-Batterie mit wahlweise 30,08 kWh oder 38,88 bis 39,2 kWh Bruttokapazität verspricht der chinesische Marktführer bis zu 420 Kilometer Reichweite nach chinesischer CLTC-Norm, während die Höchstgeschwindigkeit auf autobahntaugliche 150 km/h angehoben wird.

BYD Seagull Gen 2
BYD Seagull Gen 2

Für den anspruchsvollen europäischen Markt und insbesondere für Deutschland bedeutet das eine spürbare Neubewertung: Nach dem realistischeren WLTP-Prüfzyklus bleiben von den chinesischen Werksangaben solide 240 bis circa 315 Kilometer Reichweite (Berechnung / eigene Berechnung) übrig. Bei geschätzten deutschen Einstiegspreisen von rund 18.990 bis 21.990 Euro (Prognose) zielt der 3,78 Meter kurze Fünftürer punktgenau auf das wachsende Segment der bezahlbaren E-Kleinwagen und fordert etablierte Rivalen wie den Dacia Spring, den Citroën ë-C3 und den Hyundai Inster heraus.

BYD Seagull Gen 2
BYD Seagull Gen 2

Wir analysieren die elektrotechnischen Änderungen im Detail: Welche Hürden der europäische Crashtest Euro NCAP und die strengen GSR-II-Sicherheitsnormen für den chinesischen Bestseller bedeuten, wie sich der reale Autobahnverbrauch bei 120 km/h darstellt und warum die Kombination aus robuster LFP-Zellchemie und gesteigerter Motorleistung den Seagull zum gefährlichsten Zweitwagen-Herausforderer auf deutschen Straßen machen könnte.

Antriebs-Upgrade auf 95 kW: Warum 129 PS für Europa unverzichtbar sind

In seiner ursprünglichen chinesischen Spezifikation trat der BYD Seagull mit einem bescheidenen permanenterregten Synchronmotor an, der 55 kW (75 PS) und ein Drehmoment von 135 Nm an die Vorderräder schickte. Für den dichten innerstädtischen Stop-and-Go-Verkehr in Schanghai oder Shenzhen reichte diese Motorisierung zweifellos aus. Auf europäischen Straßen – und ganz besonders auf den unbeschränkten Abschnitten der deutschen Bundesautobahnen – geriet das Fahrzeug mit einer elektronisch rigide abgeregelten Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h jedoch rasch an physikalische und psychologische Grenzen.

Mit dem Generationswechsel spendiert BYD dem Modell eine grundlegend überarbeitete Antriebseinheit. Der neue Elektromotor leistet 95 kW (129 PS) und mobilisiert ein maximales Drehmoment von 180 Nm. Diese Leistungssteigerung um über 72 Prozent verwandelt den Kleinwagen in ein spritziges Stadtauto mit ausgeprägter Überland-Kompetenz. Die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h verkürzt sich drastisch von zähen 13,0 Sekunden auf sportliche 8,9 bis 9,2 Sekunden (Berechnung / eigene Berechnung). Im für den Stadtverkehr entscheidenden Zwischenspurt von 0 auf 50 km/h vergehen lediglich 3,4 Sekunden.

Ebenso entscheidend ist die Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 150 km/h. Damit wird der Seagull auf der rechten und mittleren Autobahnspur nicht länger zum rollenden Hindernis hinter Lastkraftwagen, sondern schwimmt im Richtgeschwindigkeitsbereich von 120 bis 130 km/h entspannt im Verkehr mit. Der neue Inverter arbeitet mit optimierten Silizium-IGBTs und einer höheren Taktfrequenz, was Teillastverluste bei konstantem Autobahntempo um rund 8 Prozent verringert. Wie wir bereits in unserer früheren Modellanalyse zum größeren Bruder BYD Dolphin Surf beobachtet haben, beherrscht der Hersteller die thermische Kapselung kleiner Motoren inzwischen auf hohem Niveau.

Blade-Batterie 2.0 im Kleinwagen: 30,08 und 39,2 kWh LFP-Kapazität

Das technologische Fundament des Seagull bildet BYDs konzerneigene e-Platform 3.0. Während höher positionierte Modelle wie die Limousine Seal inzwischen auf 800-Volt-Systeme umgestellt werden, setzt der Kleinwagen aus Kostengründen weiterhin auf ein bewährtes 400-Volt-Bordnetz. Als Energiespeicher fungieren langlebige Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP) im markentypischen Blade-Formfaktor.

Kunden haben künftig die Wahl zwischen zwei Batteriekonfigurationen:

  • Standard-Range: 30,08 kWh Bruttokapazität (ca. 28,5 kWh netto) mit einem offiziellen chinesischen CLTC-Wert von 305 bis 320 Kilometern.
  • Long-Range: 38,88 bis 39,2 kWh Bruttokapazität (ca. 37,2 kWh netto), die in China mit bis zu 405 bis 420 Kilometern CLTC zertifiziert ist.

Ein zentraler Vorteil der LFP-Chemie liegt in ihrer inhärenten chemischen Stabilität: Selbst bei schwersten Beschädigungen oder Überhitzung neigen Eisenphosphat-Zellen im Gegensatz zu ternären NMC-Akkus nicht zur Selbstentzündung. Zudem toleriert die Blade-Batterie tägliches Laden auf volle 100 Prozent Ladezustand (SoC) ohne nennenswerten Kapazitätsverlust. Für den Fahrer eines günstigen Pendlerfahrzeugs bedeutet dies: Die nutzbare Akkukapazität steht jeden Morgen zu 100 Prozent zur Verfügung, während Besitzer von NMC-Fahrzeugen im Alltag meist auf ein 80-Prozent-Fenster limitiert sind.

Die Zellen sind im sogenannten Cell-to-Body-Verfahren (CTB) direkt mit dem Unterboden verschraubt und verklebt. Das Batteriegehäuse fungiert als strukturelles Versteifungselement der Sicherheitszelle. Dies verleiht dem kleinen Fahrzeug eine verhältnismäßig hohe Torsionssteifigkeit von 28.000 Nm pro Grad – ein Wert, der Klappergeräusche im Innenraum minimiert und dem Fahrwerk auf unebenen Straßen eine solide Grundruhe verschafft.

Reichweite im Realitäts-Check: Was von 420 km CLTC im europäischen Alltag übrig bleibt

Die chinesische CLTC-Norm (China Light-Duty Vehicle Test Cycle) ist in Fachkreisen für ihre realitätsferne Milde berüchtigt. Der Prüfzyklus beinhaltet extrem niedrige Durchschnittsgeschwindigkeiten, lange Standzeiten und schließt Autobahntempi jenseits von 110 km/h faktisch aus. Um den tatsächlichen Aktionsradius in Deutschland realistisch einzuordnen, muss der CLTC-Wert unter Berücksichtigung der europäischen WLTP-Vorgaben und physikalischer Fahrwiderstände umgerechnet werden.

Für die 39,2-kWh-Variante ergibt die Umrechnung eine offizielle WLTP-Reichweite von circa 310 bis 320 Kilometern (Berechnung / eigene Berechnung). Das Basismodell mit 30,08-kWh-Batterie landet nach WLTP bei etwa 240 bis 250 Kilometern. Diese Werte decken das typische Mobilitätsprofil deutscher Pendler, die laut Kraftfahrt-Bundesamt im Schnitt weniger als 35 Kilometer pro Tag zurücklegen, mehr als komfortabel ab.

In der realen Fahrpraxis hängen die Verbrauchswerte maßgeblich vom Streckenprofil ab:

  • Stadt- und Umlandverkehr (Frühjahr/Sommer, 18 °C): Dank effizienter Rekuperation und einem geringen Leergewicht von rund 1.200 Kilogramm begnügt sich der Seagull mit sparsamen 11,5 bis 12,4 kWh pro 100 km. Mit dem 39,2-kWh-Paket sind im reinen Stadtverkehr somit echte 300 bis 320 Kilometer erzielbar.
  • Konstante Autobahnfahrt bei 120 km/h: Trotz eines cW-Werts von rund 0,31 fordert die steil stehende Heckpartie bei höheren Geschwindigkeiten ihren Tribut. Der Verbrauch klettert auf 16,5 bis 17,8 kWh pro 100 km (Analyse). Der reale Autobahnradius schrumpft damit auf 205 bis 225 Kilometer (Berechnung / eigene Berechnung).
  • Winterbetrieb (-5 °C, Heizung auf 21 °C): Da die serienmäßige Wärmepumpe bei Minusgraden zusätzliche Energie benötigt und LFP-Zellen empfindlicher auf niedrige Elektrolyttemperaturen reagieren, steigt der Durchschnittsverbrauch im Mischbetrieb auf rund 15,8 kWh/100 km. Die Winterreichweite pendelt sich bei etwa 235 Kilometern im Stadt-Überland-Mix und knapp 170 Kilometern auf der Autobahn ein.

Lade-Performance: DC-Schnellladung und dreiphasiges AC-Laden für Europa

Die Ladeleistung zählte bei der ersten Generation des chinesischen Seagull zu den Schwachpunkten. Mit einer Gleichstrom-Ladeleistung von lediglich 30 bis 40 kW dauerte das Nachladen an Schnellladesäulen oft über 45 Minuten. Für die europäische Version hat BYD die Ladeelektronik überarbeitet.

Das Modell mit 39,2-kWh-Batterie verarbeitet Gleichstrom (DC) nun mit einer Spitzenleistung von bis zu 55 bis 60 kW (Analyse). Was auf den ersten Blick nach einem mäßigen Wert klingt, relativiert sich bei Betrachtung der Batteriegröße: 60 kW Ladeleistung bei einem 39-kWh-Akku entsprechen einer respektablen Laderate von über 1,5C. Der Standard-Ladehub von 10 auf 80 Prozent SoC gelingt damit an geeigneten CCS-2-Schnellladern in etwa 29 bis 32 Minuten. Der kleinere 30-kWh-Akku lädt mit maximal 45 kW DC in knapp 28 Minuten von 10 auf 80 Prozent.

Für deutsche Kunden noch wichtiger ist das Wechselstrom-Laden (AC) an der heimischen Wallbox oder an städtischen Ladesäulen. Auf dem chinesischen Heimatmarkt sind Einphasenlader mit 3,3 oder 6,6 kW üblich. Für einen Markterfolg in Deutschland und Österreich ist ein dreiphasiger 11-kW-Onboard-Lader jedoch Pflicht, da Einphasenladen hierzulande durch die Schieflastverordnung auf 4,6 kW begrenzt wird. BYD plant für die europäischen Exportfahrzeuge einen 11-kW-Lader (in höheren Ausstattungslinien serienmäßig, in der Basis optional oder mit 7,4 kW einphasig, Prognose). An einer 11-kW-Wallbox lässt sich der 39,2-kWh-Akku somit in rund 3,5 bis 4 Stunden vollständig von 0 auf 100 Prozent aufladen.

Der Europa-Check: GSR-II-Sicherheitsnormen, Crashtests und UN R155

Der Grund, warum der BYD Seagull nicht längst für 10.000 Euro bei deutschen Händlern steht, liegt in den immensen regulatorischen Hürden der Europäischen Union. Seit Juli 2024 müssen alle in der EU neu zugelassenen Pkw die verschärfte Sicherheitsrichtlinie GSR II (General Safety Regulation) erfüllen. Ein unverändertes China-Modell hätte in Europa keinerlei Chance auf eine Typgenehmigung.

Um die europäische Homologation zu erhalten, muss BYD den Seagull tiefgreifend anpassen:

  • Verpflichtende ADAS-Sicherheitsassistenten: Einbau eines Notbremsassistenten (AEB) mit Fußgänger- und Radfahrer-Erkennung, eines aktiven Spurhalteassistenten (LKA), einer Verkehrszeichenerkennung mit akustischer Geschwindigkeitswarnung (ISA), eines Aufmerksamkeits- und Müdigkeitswarners mit Innenraum-Kamera sowie einer Einparkhilfe mit Rückfahrkamera.
  • Cybersecurity-Zertifizierung nach UN R155 und UN R156: Die gesamte Software-Architektur und das Steuergeräte-Netzwerk müssen gegen Hackingangriffe geschützt sein und gesicherte Software-Updates über die Luftschnittstelle (OTA) ermöglichen.
  • Automatisches Notrufsystem (eCall): Pflicht-Integration eines autarken GSM-Moduls mit Crash-Sensoren, das bei einem Unfall automatisch eine Sprachverbindung zur Rettungsleitstelle (112) aufbaut und GPS-Positionsdaten übermittelt.
  • Strukturelle Karosserieverstärkungen für den Euro NCAP: Während der chinesische C-NCAP mildere Maßstäbe anlegt, verlangt der europäische Crashtest massive B-Säulen, verstärkte Seitenschweller für den seitlichen Pfahlaufprall und zusätzliche Kopfairbags für die Fondpassagiere, um ein für europäische Käufer akzeptables Vier-Sterne-Rating zu erzielen.

Diese Anpassungen treiben nicht nur das Fahrzeuggewicht um schätzungsweise 60 bis 80 Kilogramm in die Höhe, sondern schlagen sich auch direkt in den Entwicklungs- und Produktionskosten nieder.

Direkter technischer Vergleich: BYD Seagull vs. Dacia Spring vs. Citroën ë-C3 vs. Hyundai Inster

Wie schlägt sich die zweite Generation des BYD Seagull gegen die direkte europäische und asiatische Konkurrenz im A- und unteren B-Segment? Die Redaktion von evautos25.de vergleicht die wichtigsten Kennzahlen auf dem deutschen Markt.

Parameter / Modell
BYD Seagull (2. Gen, 39,2 kWh)
Citroën ë-C3 You
Hyundai Inster (Standard)
Antriebsleistung & Drehmoment
95 kW (129 PS) / 180 Nm
48 kW (65 PS) / 113 Nm
83 kW (113 PS) / 120 Nm
71 kW (97 PS) / 147 Nm
Batteriekapazität (netto)
37,2 kWh / LFP Blade
26,8 kWh / NMC
44,0 kWh / LFP
42,0 kWh / NMC
Beschleunigung 0–100 km/h
ca. 8,9–9,2 s (Berechnung)
13,7 s
11,0 s
11,7 s
Höchstgeschwindigkeit (Vmax)
150 km/h
125 km/h
135 km/h
140 km/h
WLTP-Reichweite (kombiniert)
ca. 310–320 km (Berechnung / eigene Berechnung)
225 km
320 km
305 km
Reale Autobahnreichweite (120 km/h)
ca. 205–225 km (Berechnung)
ca. 140–155 km
ca. 210–230 km
ca. 200–220 km
DC-Ladeleistung (Peak) & Zeit (10–80 %)
bis zu 60 kW / ca. 30 min
max. 30 kW / ca. 45 min
max. 100 kW / ca. 26 min
max. 85 kW / ca. 30 min
AC-Ladeleistung (Wallbox)
11 kW (dreiphasig, Prognose)
3,7 kW (optional 7,4 kW 1-phasig)
7,4 kW (optional 11 kW)
11 kW (dreiphasig serienmäßig)
Abmessungen (L × B × H in mm)
3.780 × 1.715 × 1.540
3.701 × 1.583 × 1.498
4.015 × 1.755 × 1.577
3.825 × 1.610 × 1.575
Kofferraumvolumen
230 bis 930 Liter
308 bis 1.004 Liter
310 bis 1.196 Liter
280 bis 351 Liter (verschiebbare Bank)
Geschätzter Einstiegspreis (D)
ab ca. 18.990–21.990 € (Prognose)
ab 16.900 €
ab 23.300 €
ab 23.900 €

Preiskalkulation für Deutschland: Warum aus 9.000 Euro in China knapp 20.000 Euro werden

Viele deutsche Autofahrer verfolgen die chinesischen Preise mit ungläubigem Staunen: In China beginnt der Seagull umgerechnet bei weniger als 9.500 Euro. Die Annahme, das Fahrzeug könne zu einem ähnlichen Kurs nach Deutschland importiert werden, ignoriert jedoch die wirtschaftlichen Realitäten des globalen Automobilhandels.

Der kalkulatorische Preispfad nach Deutschland setzt sich aus mehreren zwingenden Kostenblöcken zusammen:

  1. GSR-II- und Crashtest-Mehrkosten: Die erforderlichen Radarsensoren, Kameras, Airbags, Notrufeinheiten und Softwarelizenzen schlagen mit rund 1.500 bis 2.000 Euro pro Fahrzeug zu Buche.
  2. Logistik und Transport: Die Verschiffung von China nach Rotterdam oder Bremerhaven per RoRo-Autotransportschiff inklusive Transportversicherung kostet etwa 1.200 bis 1.600 Euro je Fahrzeug.
  3. EU-Zölle: Auf in China hergestellte Elektrofahrzeuge erhebt die Europäische Union neben dem regulären Zollsatz von 10 Prozent einen zusätzlichen individuellen Ausgleichszoll. Für BYD beträgt dieser Satz 17,0 Prozent. In Summe fallen also 27,0 Prozent Einfuhrzoll auf den CIF-Wert (Cost, Insurance, Freight) an. Das entspricht einem Zollaufschlag von circa 3.200 bis 3.800 Euro.
  4. Händlermarge und Servicenetz: Der Vertrieb über Händlergruppen (wie Hedin Mobility oder Sternpartner) erfordert eine Handelsspanne von etwa 8 bis 12 Prozent für Vertrieb, Garantieabsicherung und Marketing (ca. 1.800 Euro).
  5. Deutsche Mehrwertsteuer (19 %): Auf die gesamte Nettosumme kommen abschließend 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer obenauf (ca. 3.000 bis 3.500 Euro).

In der Summe führt diese Kalkulation zu einem realistischen deutschen Einstiegspreis von rund 18.990 bis 19.990 Euro für das 30-kWh-Modell und circa 21.990 Euro für die vollausgestattete 39,2-kWh-Variante mit 95 kW Motor (Prognose). Wie in unserer Analyse zur Marktoffensive von BYD in Deutschland hervorgehoben, bleibt der Seagull damit immer noch ein extrem scharf kalkuliertes Angebot, das den Dacia Spring technologisch deklassiert und den Citroën ë-C3 preislich um rund 2.000 bis 3.000 Euro unterbietet.

Innenraum, Platzangebot und Alltagsnutzen

Mit einer Außenlänge von 3,78 Metern ist der Seagull ein reinrassiges Stadtauto. Dennoch überrascht das Raumangebot im Fond: Dank eines üppigen Radstands von 2.500 Millimetern (zum Vergleich: ein VW Polo bietet 2.550 mm bei 30 cm mehr Außenlänge) und des flachen Batterieunterbodens finden selbst zwei Erwachsene mit 1,85 Meter Körpergröße überraschend viel Knie- und Kopffreiheit auf den beiden hinteren Einzelsitzen vor. Der Seagull ist als reiner Viersitzer konzipiert; ein beengter mittlerer Notsitz wird erst gar nicht angeboten.

Vor dem Fahrer breitet sich ein aufgeräumtes, junges Cockpit aus. Herzstück ist der für BYD typische, elektrisch um 90 Grad rotierbare 10,1-Zoll-Touchscreen mit dem Betriebssystem DiLink. Drahtloses Apple CarPlay und Android Auto funktionieren flüssig. Ergänzt wird die Anzeige durch ein kleines 7-Zoll-Digitaldisplay hinter dem Multifunktionslenkrad, das Geschwindigkeit, Akkustand und Assistenzwarnungen anzeigt. Praktisch: Für die Klimasteuerung und die Rekuperationsstufen spendiert BYD eine Leiste mit echten physischen Walzentasten auf der Mittelkonsole.

Kompromisse erfordert der Kofferraum: Mit 230 Litern Ladevolumen reicht der Stauraum für zwei Handgepäckkoffer oder den Wocheneinkauf. Durch Umklappen der geteilten Rücksitzlehnen wächst das Volumen auf 930 Liter an, allerdings entsteht dabei eine deutliche Stufe im Ladeboden. Einen vorderen Kofferraum (Frunk) gibt es nicht; das Ladekabel muss in einer Vertiefung unter dem Kofferraumboden verstaut werden.

Vor- und Nachteile im Europa-Check

Vorteile des BYD Seagull (2. Generation)

  • Kräftiger Antrieb: 95 kW (129 PS) und 180 Nm bieten hervorragende Beschleunigung (0–100 in ca. 9 s) und vollwertige Autobahntauglichkeit mit 150 km/h Spitze.
  • Langlebige Blade-Batterie: Robuste LFP-Zellchemie ohne Kobalt, hohe Zyklenfestigkeit und bedenkenloses 100-%-Laden im Alltag.
  • Kompakte Abmessungen bei gutem Raumangebot: Mit 3,78 m Länge extrem wendig in der Stadt, bietet dank 2,50 m Radstand aber echten Sitzkomfort für vier Erwachsene.
  • Solide Ladeleistungen: Bis zu 60 kW DC (10–80 % in rund 30 Minuten) und dreiphasiges 11-kW-AC-Laden für Europa.
  • Umfangreiche Serienausstattung: Drehbares 10,1-Zoll-Display, Wärmepumpe, Smartphone-Konnektivität und vollständiges GSR-II-Assistenzpaket ab Werk.
  • Günstiger Einstiegspreis: Voraussichtlich ab rund 19.000 Euro (Prognose) einer der bezahlbarsten vollwertigen E-Kleinwagen in Deutschland.

Nachteile des BYD Seagull (2. Generation)

  • Eingeschränkter Kofferraum: 230 Liter Standardvolumen und Stufe bei umgeklappter Rückbank; kein Frunk für Ladekabel vorhanden.
  • Nur vier Sitzplätze: Keine Zulassung für fünf Personen möglich.
  • Erhöhter Autobahnverbrauch im Winter: Steile Karosserieform führt bei Minusgraden und 120 km/h zu Reichweiten unter 180 km.
  • Händlernetz im Aufbau: BYD-Werkstattpartner in ländlichen Regionen Deutschlands noch nicht flächendeckend vertreten.
  • Zoll-bedingter Preisaufschlag: 27 % EU-Zoll dämpfen den ursprünglichen chinesischen Preisvorteil spürbar ab.

Jurij Senkewitschs Fazit: Wer sollte auf den Seagull warten – und wer kauft die Konkurrenz?

Mit dem Upgrade auf 95 kW (129 PS) und der Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 150 km/h beseitigt BYD die gravierendste Schwachstelle des Seagull: Er ist kein verzagtes Stadtwägelchen mehr, sondern ein vollwertiges, erwachsenes Elektroauto für das A-Segment. In Kombination mit der unempfindlichen Blade-Batterie, echten 310 Kilometern Alltagsreichweite und dreiphasigem 11-kW-Laden stellt der kleine Chinese den behäbigen Dacia Spring mit seinen mageren 65 PS regelrecht bloß.

Wem empfehle ich den BYD Seagull?
Der Seagull ist das perfekte Fahrzeug für urbane Pendler, Paare und Familien, die einen wendigen, modernen Zweitwagen für den täglichen Arbeitsweg von 20 bis 60 Kilometern suchen. Wer auf der Suche nach maximaler Wirtschaftlichkeit ist, von zu Hause an der Wallbox mit 11 kW nachladen kann und ein spritziges Auto für Stadt und Landstraße ohne Marken-Dünkel schätzt, erhält bei einem Einstiegspreis von unter 20.000 Euro ein unschlagbares Preis-Leistungs-Paket.

Wer sollte eher zu Citroën ë-C3 oder Hyundai Inster greifen?
Wer regelmäßig mit Kindern und viel Gepäck unterwegs ist, sollte die rund 2.000 bis 3.000 Euro Aufpreis zum Citroën ë-C3 investieren: Der Franzose ist eine halbe Klasse größer (4,01 m), bietet fünf vollwertige Sitzplätze, einen spürbar größeren Kofferraum (310 l) und lädt am Schnelllader mit bis zu 100 kW. Wer hingegen maximale Innenraum-Variabilität sucht, findet im Hyundai Inster mit verschiebbarer Rückbank und umklappbarem Beifahrersitz das cleverere Raumkonzept.

Jurij Senkewitsch

Fachautor für Elektromobilität bei EvAutos25. Er spezialisiert sich auf Elektroautos, Batterietechnologien und Ladeinfrastruktur sowie auf die Analyse des deutschen und europäischen E-Auto-Marktes.

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