Elektroauto-Akkus im Praxistest: Lebensdauer, Kosten und die Realität
Die Diskussion über die Lebensdauer von Traktionsbatterien in Elektrofahrzeugen hat sich gewandelt. Es geht nicht mehr allein um die grundlegende Frage, ob ein Akku acht, zehn oder fünfzehn Jahre lang funktioniert. Vielmehr bestimmen detailliertere Aspekte den Wert und das potenzielle Risiko eines gebrauchten Elektroautos: die spezifische Zellchemie, die tatsächlichen Reparaturkosten für einzelne Module und die Komplexität der Software, die das gesamte Batteriesystem steuert. Fahrzeuge wie der Volkswagen ID.3 und das Tesla Model 3, die seit Jahren in großer Zahl auf unseren Straßen unterwegs sind, liefern uns inzwischen wertvolle, unverfälschte Daten. Diese sind für eine präzise Bewertung unerlässlich.

Die anfängliche Befürchtung eines schnellen Kapazitätsverlusts, der Elektrofahrzeuge nach wenigen Jahren unbrauchbar machen würde, hat sich erfreulicherweise als unbegründet erwiesen. Die tatsächliche Situation ist jedoch vielschichtiger und birgt finanzielle Unwägbarkeiten, die in den Marketingmaterialien der Hersteller oft unerwähnt bleiben. Ein Defekt außerhalb der Garantiezeit führt zwar nicht zwangsläufig zu einem wirtschaftlichen Totalschaden, doch die Reparaturkosten können den Restwert eines älteren Fahrzeugs erheblich mindern. Dieser Praxistest analysiert die Faktenlage umfassend – von der Degradation spezifischer Zellchemien bis hin zu den genauen Kosten für Modulreparaturen.

Reparaturrisiken und Kostenfaktoren bei der Akku-Haltbarkeit
Die Herstellergarantie für Hochvoltbatterien, die typischerweise acht Jahre oder 160.000 Kilometer umfasst, vermittelt oft eine scheinbare Sicherheit. Doch für den Gebrauchtwagenmarkt stellt sich die entscheidende Frage: Was geschieht nach Ablauf dieser Frist? Ein vollständiger Ausfall des gesamten Akkupakets ist statistisch gesehen selten. Deutlich häufiger treten hingegen Defekte an einzelnen Zellmodulen oder der zugehörigen Steuerungselektronik auf. Die nachfolgende Übersicht verdeutlicht die realen Kostenrisiken, basierend auf dokumentierten Fällen aus Fachwerkstätten und Nutzerforen.

| Fahrzeugmodell | Problem / Bauteil | Typ. Kilometerstand | Kosten (Hersteller) | Kosten (Freie Werkstatt) | Risikoanalyse |
| VW ID.3 / ID.4 | Defektes Zellmodul (Spannungsdifferenz) | > 150.000 km | ca. 2.000 € (pro Modul, inkl. Arbeit) | ca. 1.200 – 1.500 € | Mittel. VW ermöglicht den Modultausch, aber die Diagnose ist aufwendig. Ein Fall mit 201.000 km führte zu einem Kostenvoranschlag von 7.500 €, was auf mehrere defekte Module oder zusätzliche Probleme hindeutet. |
| Tesla Model 3/S | Isolationsfehler / Defektes Modul | > 120.000 km | 13.000 – 22.000 € (kompletter Tausch) | 5.000 – 7.500 € (Reparatur) | Hoch. Tesla tauscht oft das gesamte Pack, statt es zu reparieren. Der freie Markt ist essenziell, um einen wirtschaftlichen Totalschaden zu vermeiden. Fehlercodes wie BMS_a079 sind ein klares Warnsignal. |
| Renault Zoe | Defektes Zellmodul | > 100.000 km | ca. 2.665 € (pro Modul) | ca. 1.800 – 2.200 € | Mittel. Die Kosten pro Modul sind im Vergleich zum Fahrzeugwert hoch. Bei älteren Modellen mit Batteriemiete muss die Zuständigkeit (Renault oder Leasingbank) geklärt werden. |
| Diverse Modelle | Defekt im Battery Management System (BMS) | Variabel | 1.500 – 4.000 € | 800 – 2.500 € | Mittel bis Hoch. Das BMS ist das Gehirn des Akkus. Ein Defekt kann das gesamte Fahrzeug lahmlegen, obwohl die Zellen selbst intakt sind. Die Reparatur erfordert spezialisierte Elektronik-Kenntnisse. |
| VW ID-Familie | KBA-Rückruf 93MI (Zellüberladung) | Alle Baujahre bis 2022 | 0 € (Garantie/Rückruf) | N/A | Gering (finanziell), aber sicherheitsrelevant. Ein Software-Update soll die Brandgefahr durch erhöhte Selbstentladung bannen. Bei betroffenen Fahrzeugen wird ggf. ein Modul getauscht. |

LFP vs. NMC: Zellchemie als entscheidender Faktor für den Restwert
Die Debatte um die Langlebigkeit von Akkus wird oft vereinfacht geführt. Dabei ist die Zellchemie ein fundamentaler, differenzierender Faktor. Eine umfassende schwedische Studie, die Daten von fast 10.000 Fahrzeugen analysierte, liefert hierzu klare Erkenntnisse. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand das Tesla Model 3, das je nach Baujahr und Ausstattungsvariante mit unterschiedlichen Batterietypen ausgeliefert wurde.

Die Studienergebnisse belegen eindeutig die Vorteile von Lithium-Eisenphosphat-Akkus (LFP), wie sie beispielsweise von CATL für die Basismodelle des Model 3 bereitgestellt werden. Fahrzeuge mit LFP-Technologie und einer Laufleistung von über 100.000 Kilometern zeigten eine durchschnittliche Restkapazität (State of Health, SoH) von beeindruckenden 93,3 %. Im direkten Vergleich dazu wiesen die teureren und energiedichteren NCA- (Nickel-Kobalt-Aluminium, von Panasonic) und NMC-Akkus (Nickel-Mangan-Kobalt, von LG Chem) eine merklich höhere Degradation auf. Ihre SoH-Werte lagen im gleichen Laufleistungsbereich lediglich zwischen 88,2 % und 92,8 %.

Die technischen Ursachen für diese Unterschiede sind für potenzielle Gebrauchtwagenkäufer von großer Bedeutung:
- Ladeverhalten: LFP-Zellen sind chemisch stabiler und vertragen häufiges Laden auf 100 % des Ladezustands (SoC) wesentlich besser als NMC/NCA-Zellen. Hersteller von Fahrzeugen mit NMC/NCA-Akkus empfehlen, im Alltag nur bis 80 % zu laden, um die Lebensdauer zu maximieren. Diese Einschränkung entfällt bei LFP weitgehend, was die tägliche Nutzung vereinfacht.
- Zyklenfestigkeit: LFP-Akkus überstehen eine höhere Anzahl an Lade- und Entladezyklen, bevor ihre Kapazität spürbar abnimmt. Dies macht sie widerstandsfähiger für den täglichen Gebrauch und für Fahrzeuge mit hoher Laufleistung.
- Thermische Stabilität: LFP-Zellen sind weniger anfällig für thermisches Durchgehen (Thermal Runaway), was die Betriebssicherheit erhöht.
Für den Erwerb eines gebrauchten Elektroautos ergibt sich daraus eine klare Empfehlung: Ein Fahrzeug mit LFP-Akku ist bei hoher Laufleistung tendenziell die verlässlichere Wahl. Die geringere Energiedichte und die damit verbundene, marginal niedrigere Reichweite bei gleichem Bauvolumen werden durch die überlegene Langlebigkeit und Robustheit mehr als ausgeglichen. Die zunehmende Präsenz chinesischer Hersteller wird diesen Trend voraussichtlich verstärken, da beispielsweise BYD seinen Angriff auf den deutschen Markt startet und dabei massiv auf die hauseigene LFP-basierte Blade-Batterie setzt.
Langzeittest: 220.000 km im VW ID.3 und die verbleibende Reichweite
Theoretische Degradationskurven bieten eine erste Orientierung, doch erst reale Messwerte aus einem Langzeittest liefern die entscheidenden Erkenntnisse. Der ADAC hat einen VW ID.3 Pro S mit einem 77-kWh-Akku (netto) über eine Distanz von mehr als 220.000 Kilometern begleitet und die Batteriegesundheit akribisch dokumentiert. Das Ergebnis ist für Besitzer und Interessenten von MEB-Fahrzeugen gleichermaßen aufschlussreich: Nach dieser beachtlichen Laufleistung attestierte die VW-Diagnose dem Akku noch einen State of Health (SoH) von 89 Prozent. Dieser Wert liegt erfreulicherweise deutlich über der von VW garantierten Mindestkapazität von 70 Prozent nach acht Jahren oder 160.000 Kilometern.

Was bedeutet dieser SoH-Wert konkret für die Alltagspraxis? Die tatsächlich nutzbare Reichweite auf der Autobahn bei moderatem Tempo (etwa 120-130 km/h) stabilisierte sich bei rund 400 Kilometern. Dies ist ein respektabler Wert, der die Langstreckentauglichkeit des Fahrzeugs auch nach vielen Jahren unterstreicht. Eine kritische Einschränkung ergibt sich jedoch bei niedrigen Außentemperaturen. Im Winter sank die Reichweite unter vergleichbaren Autobahnbedingungen auf 300 bis 320 Kilometer – ein Einbruch von etwa 20-25 Prozent allein durch die Witterungseinflüsse, zusätzlich zur bereits vorhandenen Degradation. Tests von Motor1.com mit dem kleineren 58-kWh-Modell bestätigen dieses Phänomen: Während 300 Kilometer Reichweite meist erreichbar sind, kann der Aktionsradius im Winter auf der Autobahn auch unter die 200-Kilometer-Marke fallen.

Diese realen Reichweitenverluste stellen einen zentralen Kritikpunkt dar, der bei der Bewertung eines gebrauchten Elektroautos oft unterschätzt wird. Obwohl die MEB-Plattform eine solide technische Basis bietet, bleibt die Frage, wie sich der Konzern im unteren Preissegment positionieren wird. Die Branche verfolgt aufmerksam, ob und wie Volkswagen ein günstiges VW ID Polo Elektroauto für unter 25.000 Euro auf den Markt bringt, denn in diesem Segment wird die Batteriekosteneffizienz noch entscheidender sein.
Software-Eingriffe: Die unsichtbare Steuerung durch den Hersteller
Die reine Hardware-Degradation stellt lediglich einen Teil der Gesamtbetrachtung dar. Mindestens ebenso entscheidend ist die Software, genauer gesagt das Batteriemanagementsystem (BMS), das die Zellen kontinuierlich überwacht, schützt und steuert. Hersteller setzen diese Software zunehmend ein, um die Langlebigkeit der Akkus zu gewährleisten – was teilweise spürbare Auswirkungen für den Nutzer hat.
Ein prominentes Beispiel hierfür liefert Tesla. Um die Batterie bei hoher Laufleistung oder nach zahlreichen DC-Schnellladevorgängen zu schonen, reduziert das BMS die maximale Ladeleistung. Während ein neues Model 3 am Supercharger mit über 200 kW starten kann, wird die Spitzenleistung bei älteren Fahrzeugen oder Akkus, die Anzeichen von Belastung zeigen, oft auf 120-150 kW begrenzt. Zudem fällt die Ladekurve früher und steiler ab. In der Praxis kann dies die Ladezeit von 10 auf 80 Prozent um fünf bis zehn Minuten verlängern. Dies ist kein Defekt, sondern eine bewusst programmierte Schutzmaßnahme, die jedoch die Langstreckentauglichkeit auf subtile Weise beeinträchtigen kann.
Noch gravierender sind offizielle Rückrufaktionen. Volkswagen sah sich gezwungen, für eine große Anzahl von Fahrzeugen der ID-Familie (ID.3, ID.4, ID.5, ID.Buzz) sowie den baugleichen Cupra Born einen Rückruf über das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) mit der Referenznummer 16271R (interner VW-Code: 93MI) zu initiieren. Der Grund war die Gefahr einer thermischen Überlastung und im schlimmsten Fall eines Brandes, verursacht durch fehlerhafte Batteriemodule, die zu einer erhöhten Selbstentladung neigen. Die Abhilfemaßnahme besteht aus einem Software-Update, das die Zellüberwachung verschärft. Nur wenn die Software danach weiterhin anormale Werte feststellt, wird das betroffene Modul getauscht. Für Besitzer bedeutet dies eine gewisse Unsicherheit, da die Hardware potenziell fehlerhaft bleibt und lediglich durch Software in Schach gehalten wird.
Diagnose und Reparatur: Zwischen Herstellerbindung und freiem Markt
Fällt ein Akku außerhalb der Garantiezeit aus, steht der Besitzer vor einer entscheidenden Wahl. Der Weg zum Vertragshändler mündet oft in einem Kostenvoranschlag für einen kompletten Tausch des Akkupakets, was Kosten von 15.000 bis über 25.000 Euro bedeuten kann – ein nahezu sicherer wirtschaftlicher Totalschaden für ein älteres Fahrzeug. Doch es existieren praktikable Alternativen.
Ein Blick in spezialisierte Foren offenbart die tatsächliche Situation. Einem Tesla-Fahrer wurde nach dem Auftreten des Fehlercodes BMS_a079 von Tesla eine Reparatur für 13.000 Dollar angeboten. Ein weiterer Fall dokumentiert einen Kostenvoranschlag von 22.000 Euro. Eine spezialisierte freie Werkstatt konnte den Fehler jedoch für 7.500 Euro beheben – eine Ersparnis von fast 70 Prozent. Diese Werkstätten verfügen über das notwendige Know-how und die Ausrüstung, um Akkupakete zu öffnen, defekte Module präzise zu identifizieren und gezielt zu ersetzen. Die Verfügbarkeit von Ersatzteilen auf dem freien Markt, wie zum Beispiel Tesla-Module mit der Teilenummer 1609295-00-A auf Plattformen wie eBay, bildet hierfür die essenzielle Grundlage.
Auch bei deutschen Herstellern zeigt sich eine angespannte Lage. Einem österreichischen ID.3-Fahrer wurde bei 201.000 km nach der unspezifischen Fehlermeldung „Elektrosystem funktioniert nicht richtig“ eine Reparatur für 7.500 Euro in Aussicht gestellt. Er hatte zuvor selbst mit einem OBD-Diagnosegerät eine Spannungsdifferenz zwischen den Zellen von 30-50 mV ausgelesen – ein deutliches Indiz für ein defektes Modul. VW selbst beziffert den Tausch eines einzelnen Moduls auf rund 2.000 Euro inklusive Arbeitszeit. Die hohe Summe im Kostenvoranschlag lässt vermuten, dass die Werkstatt entweder mehrere Module tauschen wollte oder die Diagnose allein bereits extrem kostspielig war.
Diese Beispiele verdeutlichen die immense Bedeutung einer unabhängigen Diagnose. Die Anschaffung eines hochwertigen OBD-II-Dongles und einer passenden App (z.B. Car Scanner) stellt für jeden E-Auto-Besitzer eine sinnvolle Investition dar. Nur so lässt sich das komplexe Batteriesystem ein Stück weit transparent machen, und man ist den Werkstätten nicht ohne fundierte Informationen ausgeliefert. Die Zukunft der Elektromobilität wird maßgeblich davon abhängen, wie sich der Service- und Reparaturmarkt weiterentwickelt, insbesondere wenn neue Wettbewerber wie der Nio EL6 2026 mit Batteriewechselstationen oder der erwartete Lexus ES EV 2026 mit Fokus auf extreme Langlebigkeit neue Maßstäbe setzen.
Versteckte Kostenfaktoren: Versicherung und Leasing im Blick
Neben den potenziellen Reparaturkosten beeinflussen auch die laufenden Betriebskosten den Gesamtwert eines gebrauchten Elektroautos. Ein erfreulicher Aspekt ist die Einstufung in den Kfz-Versicherungsklassen. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verursachen viele Elektroautos 10-15 % weniger Schäden als vergleichbare Verbrenner-Modelle, was sich in günstigeren Typklassen für die Haftpflichtversicherung niederschlägt. Fahrzeuge wie der VW Golf VII oder der Hyundai Kona sind als Elektroversion oft günstiger zu versichern. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet der Nissan Leaf, der eine ungünstigere Schadenbilanz aufweist als der vergleichbare Nissan Pulsar. Eine niedrige Typklasse kann die jährlichen Betriebskosten erheblich reduzieren.
Bei scheinbar günstigen Leasingangeboten für gebrauchte Elektroautos ist jedoch besondere Aufmerksamkeit geboten. Ein Renault Zoe aus dem Jahr 2019 mit 30.000 km Laufleistung für 109 Euro pro Monat mag verlockend klingen. Oft wird dabei jedoch übersehen, dass eine separate Batteriemiete hinzukommt, die die monatliche finanzielle Belastung schnell verdoppeln kann. Solche Mietmodelle waren in der Vergangenheit weit verbreitet und erschweren die transparente Kostenkalkulation bei Gebrauchtfahrzeugen erheblich. Die aktuelle Entwicklung im Kleinwagensegment, wo Modelle wie der kommende Kia EV2 2026 auf günstige Kaufpreise ohne Mietmodelle setzen werden, dürfte diese Praxis jedoch zunehmend obsolet machen.
Vor- und Nachteile des Praxistests im Überblick
Vorteile
- Nachgewiesene Grundhaltbarkeit: Viele Akkus (z.B. VW ID.3) zeigen auch nach über 200.000 km noch eine hohe Restkapazität (SoH > 85 %), was für eine lange Lebensdauer spricht.
- Robuste LFP-Chemie: Lithium-Eisenphosphat-Akkus altern langsamer, sind zyklenfester und tolerieren das Laden auf 100 %, was sie zur idealen Wahl für Gebrauchtwagen macht.
- Wachsender Reparaturmarkt: Spezialisierte freie Werkstätten können Akkus auf Modulebene reparieren und bieten eine kostengünstige Alternative zum teuren Kompletttausch durch den Hersteller.
- Geringere Betriebskosten: Elektroautos profitieren oft von günstigeren Versicherungseinstufungen und deutlich niedrigeren Wartungskosten im Vergleich zu Verbrennern.
Nachteile
- Extrem hohe Tauschkosten: Ein kompletter Akkutausch außerhalb der Garantie ist bei fast allen Modellen ein wirtschaftlicher Totalschaden (15.000 – 25.000 €).
- Hohe Modul-Reparaturkosten: Auch der Tausch einzelner Module kann mit 2.000 bis 7.500 Euro den Restwert eines älteren Fahrzeugs übersteigen.
- Intransparenz der Hersteller: Fehlerdiagnosen sind oft vage, und Hersteller drängen zum teuren Kompletttausch statt zur Reparatur. Software-Updates können die Leistung ohne klare Kommunikation reduzieren.
- Signifikanter Winter-Reichweitenverlust: Die reale Reichweite sinkt bei Kälte um 20-30 %, was bei einem bereits degradierten Akku die Nutzbarkeit direkt einschränkt.
- Komplexität der Diagnose: Ohne Spezialwerkzeug (OBD-Scanner) und Fachwissen ist der Zustand eines Akkus für Laien kaum zu beurteilen, was den Gebrauchtkauf zu einem Risiko macht.
Fazit von Jurij Senkewitsch für EvAutos25
Der Erwerb eines gebrauchten Elektroautos verlangt eine grundlegend andere Herangehensweise als der Kauf eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Die erfreuliche Nachricht ist: Der weit verbreitete Mythos vom nutzlosen Akku nach nur acht Jahren ist durch die Realität widerlegt. Praxistests und Langzeitdaten belegen, dass Traktionsbatterien für ein langes Autoleben konzipiert sind. Die weniger erfreuliche Erkenntnis ist jedoch: Die entscheidenden Aspekte liegen oft im Detail, und diese Details können schnell Tausende von Euro kosten. Unsere Analyse zeigt eindeutig, dass die Zellchemie der wichtigste Indikator für die tatsächliche Langlebigkeit ist. Ein Modell mit LFP-Akku stellt bei hoher Laufleistung fast immer die überlegene und sicherere Investition dar.
Als Journalist und Testfahrer kann ich nur eindringlich dazu raten, sich nicht allein von SoH-Prozentwerten blenden zu lassen. Ein SoH von 90 % ist wenig aussagekräftig, wenn eine einzelne Zellgruppe eine abweichende Spannung aufweist und somit einen kostspieligen Modultausch ankündigt. Die mangelnde Transparenz der Hersteller erweist sich hier als größtes Problem. Anstatt Kunden klare Diagnosetools zur Verfügung zu stellen, werden sie oft mit vagen Fehlermeldungen und exorbitanten Kostenvoranschlägen für einen Kompletttausch konfrontiert. Der sich entwickelnde freie Reparaturmarkt stellt in diesem Szenario eine entscheidende Alternative dar. Ein gebrauchtes Elektroauto sollte daher niemals ohne einen professionellen Batterie-Check erworben werden, der nicht nur den SoH, sondern auch die Zellspannungen und den Isolationswiderstand detailliert prüft. Die Investition von 100 bis 200 Euro in eine solche Prüfung kann vor einem erheblichen finanziellen Schaden bewahren.
Häufig gestellte Fragen zum Praxistest
Für Gebrauchtwagen, insbesondere mit höherer Laufleistung, erweist sich ein LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) als die eindeutig bessere Wahl. Studien belegen eine geringere Degradation (ca. 93% Restkapazität nach >100.000 km) im Vergleich zu NMC/NCA-Akkus (88-92%). LFP-Akkus sind zudem robuster, erlauben häufiges Laden auf 100% und sind thermisch stabiler. Die etwas geringere Energiedichte ist in der Praxis ein geringfügiger Nachteil gegenüber der gebotenen Langlebigkeit.
Die Kosten variieren direkt vom Hersteller und der Werkstatt. Bei VW kostet der offizielle Tausch eines ID.3-Moduls etwa 2.000 Euro. Ein dokumentierter Fall aus einem Forum zeigt jedoch einen Kostenvoranschlag von 7.500 Euro bei 201.000 km. Bei Renault belaufen sich die Kosten für ein Zoe-Modul auf etwa 2.665 Euro. Freie Werkstätten sind oft 30-50% günstiger, sofern sie die Reparatur für das spezifische Modell anbieten können.
Ja, dies ist eingeschränkt möglich. Mit einem OBD-II-Adapter (Kostenpunkt ca. 20-50 Euro) und einer passenden Smartphone-App wie „Car Scanner“ oder „Leaf Spy“ (speziell für Nissan) können Sie den State of Health (SoH) und, noch wichtiger, die Spannungsdifferenzen zwischen den einzelnen Zellen auslesen. Eine hohe Differenz (über 20-30 mV im Ruhezustand) ist ein direktes Warnsignal für ein potenziell defektes Modul, selbst wenn der angezeigte SoH-Wert noch gut aussieht.
Ja, dies ist eine übliche Praxis der Hersteller, um den Akku zu schonen. Tesla ist bekannt dafür, die Spitzenladeleistung bei älteren Akkus oder nach vielen Schnellladungen per Software-Update zu reduzieren. Dies kann die Ladezeit auf der Langstrecke um 5-10 Minuten verlängern. Es handelt sich dabei nicht um einen Defekt, sondern um eine programmierte Schutzmaßnahme zur Erhaltung der Batteriegesundheit.
Dieser Rückruf betrifft eine potenzielle Brandgefahr, die durch fehlerhafte Batteriezellen entstehen kann, welche zu einer erhöhten Selbstentladung neigen. VW spielt ein Software-Update auf, das die Zellüberwachung verschärft. Nur wenn das Problem danach weiterhin besteht, wird das betroffene Modul getauscht. Für Besitzer bedeutet das, dass potenziell fehlerhafte Hardware im Fahrzeug verbleiben kann, die lediglich durch Software überwacht wird.
Ein kompletter Tausch des Akkupakets beim Hersteller (Kosten: 15.000 – 25.000 €) führt in den meisten Fällen zu einem wirtschaftlichen Totalschaden. Die Rettung bietet hier der freie Reparaturmarkt. Spezialisierte Werkstätten können oft den eigentlichen Defekt (z.B. ein einzelnes Modul oder das BMS) für 5.000 bis 8.000 Euro reparieren. Dies kann ein Fahrzeug vor der Verschrottung bewahren.
Der Winter-Effekt ist signifikant und addiert sich zur normalen Degradation. Ein VW ID.3 mit 77-kWh-Akku und über 200.000 km Laufleistung erreichte im Test noch etwa 400 km Autobahnreichweite bei milden Temperaturen. Im Winter sank dieser Wert auf 300-320 km. Man muss also mit einem witterungsbedingten Reichweitenverlust von 20-25% zusätzlich zum altersbedingten Kapazitätsverlust rechnen.




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