Europas Auto des Jahres 2027: Erstmals reine Elektro-Finalisten – und keine Spur von China-Stromern

Das Auswahlkomitee des renommierten europäischen Automobilpreises „Auto des Jahres 2027“ (COTY) hat die finale Auswahlliste für den Jahrgang 2027 bekanntgegeben und vollzieht eine historische Zäsur: Erstmals in der über 60-jährigen Geschichte der traditionsreichen Auszeichnung stehen ausschließlich rein batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) im Finale. Aus einem ursprünglichen Starterfeld von 38 Neuerscheinungen wählten 65 Fachjournalisten aus 25 europäischen Ländern die sieben überzeugendsten Modelle aus.
Die Auswahl der Finalisten spiegelt die strukturelle Verschiebung des europäischen Marktes wider: Neben technologischen Flaggschiffen der oberen Mittelklasse wie dem BMW iX3 auf Basis der Neuen Klasse und dem Volvo EX60 dominieren vor allem bezahlbare urbane Kompakt- und Kleinwagen das Feld – angeführt vom Renault Twingo E-Tech, dem Cupra Raval, dem VW ID.Polo sowie dem Kia EV2 und dem Hyundai Ioniq 3.
Aus redaktioneller Sicht ist vor allem die Zusammensetzung des Finalistenfeldes bemerkenswert: Obwohl chinesische Hersteller zunehmend Marktanteile in Europa gewinnen, bleibt die letzte Wettbewerbsrunde ohne ein Modell aus ihren Konzernen. Die folgende Analyse untersucht die Finalisten, das Auswahlverfahren und die nächsten Schritte bis zur Preisvergabe.
Historische Zäsur im europäischen Jury-Votum
Seit der Gründung des Preises im Jahr 1964 war die Auszeichnung stets ein Spiegelbild der aktuellen Antriebsrealität. Gewannen in den Anfangsjahrzehnten klassische Vergaser- und Dieselmodelle, rückten in den vergangenen zehn Jahren schrittweise Hybride und vereinzelte E-Autos in den Fokus. Dass die Expertenjury nun geschlossen auf reine Batterieantriebe setzt, unterstreicht den veränderten Entwicklungsfokus: Sämtliche europäischen Kernhersteller konzentrieren ihre Entwicklungsbudgets auf neue elektrische Plattformen.
Auffällig ist dabei die Abkehr vom reinen Luxussegment. Die 65 Juroren gewichteten bei ihrer Vorselektion insbesondere wirtschaftliche Faktoren wie Alltagstauglichkeit, Anschaffungskosten, Energieeffizienz und kompakte Abmessungen für den urbanen Verkehrsraum höher als bloße Spitzenleistungen oder überdimensionierte Batteriegrößen.
Die 7 Finalisten des Jahrgangs 2027 im Überblick
Die sieben Kandidaten decken das Spektrum vom wendigen Stadtwagen bis zum reichweitenstarken Reise-SUV ab:

- BMW iX3: Das erste Serienmodell der 800-Volt-Architektur der Neuen Klasse. Mit neu konstruierten zylindrischen Rundzellen, hoher Antriebseffizienz und einer Ladezeit von rund 20 Minuten markiert der Münchner den technologischen Spitzenreiter im Premiumsegment.

- Cupra Raval: Das sportliche Derivat der MEB-Entry-Plattform aus dem spanischen Werk Martorell. Der Kompakt-Stromer soll emotionale Fahrdynamik im B-Segment zu Preisen ab rund 25.000 Euro etablieren.

- Hyundai Ioniq 3: Ein kompakter Crossover, der die 800-Volt-Technologie und das eigenständige Parametric-Pixel-Design der Koreaner in eine für europäische Ballungsräume optimierte Größenklasse überführt.

- Kia EV2: Der kleinste Vertreter der dedizierten E-GMP-Familie von Kia. Gezielt für europäische Pendlerbedürfnisse entwickelt, setzt das Modell auf funktionale Raumökonomie und ein hohes Sicherheitsausstattungspaket.

- Renault Twingo E-Tech: Der französische Retrostromer mit einem avisierten Einstiegspreis von unter 20.000 Euro. Mit niedrigem Leergewicht, radikal reduzierter Komplexität und extrem geringem Normverbrauch positioniert er sich als Antwort auf günstige Importfahrzeuge.

- Volkswagen ID.Polo: Die mit Spannung erwartete Serienumsetzung des MEB-Entry-Konzepts (ID. 2all). Mit Frontantrieb, klassischer Tastenbedienung im Cockpit und einem Einstiegspreis von unter 25.000 Euro soll das Modell die Stammkundschaft des klassischen Polo in die Elektromobilität überführen.

- Volvo EX60: Der elektrische Nachfolger des europäischen Bestsellers XC60. Als erstes Fahrzeug auf der neuen SPA3-Plattform nutzt das SUV strukturelle Batterietechnik (Cell-to-Body) und Megacasting für hohe Torsionssteifigkeit und Reichweiten jenseits von 600 Kilometern.
Ausbleiben chinesischer Fabrikate im Finale
Dass Marken wie BYD, MG Motor, Nio, Xpeng oder Geely-Ableger trotz ihrer Modellfülle in Europa den Sprung in das Finale verpassten, ist das bemerkenswerteste Signal dieser Wahl. Zwar waren mehrere chinesische Modelle auf der ursprünglichen 38er-Longlist vertreten, im Votum der europäischen Juroren scheiterten sie jedoch an spezifischen Kernanforderungen.
Die Jury legte ein starkes Gewicht auf die europäische Wertschöpfungskette, ein dichtes Servicenetzwerk sowie eine ausgereifte Lokalisierung von Software, Fahrwerksabstimmung und Ladeinfrastruktur-Kompatibilität. Während europäische Hersteller mit Modellen wie dem Renault Twingo, dem VW ID.Polo und dem Cupra Raval gezielt das preissensible Kleinwagensegment besetzen, konzentrierten sich chinesische Importeure bislang vorwiegend auf größere, schwerere SUVs im C- und D-Segment. Dieser Mangel an bezahlbaren, kompakten Europamodellen kostete die Newcomer wertvolle Punkte.
Fahrtests in Balocco und Siegerkür in Brüssel
Die Entscheidung über den Titelträger fällt im kommenden Monat: Im November reisen die 65 Jurymitglieder auf das traditionsreiche Stellantis-Testgelände im italienischen Balocco nahe Mailand. Dort absolvieren die sieben Finalisten standardisierte Vergleichsfahrten, darunter dynamische Handlingtests, Schnelllade-Zyklen auf dem Prüfstand sowie Messungen von Bremswegen und Innenraumgeräuschen.
Jedes Jurymitglied verfügt über ein Kontingent von 25 Punkten, die auf mindestens fünf der sieben Fahrzeuge aufgeteilt werden müssen, wobei maximal zehn Punkte an ein einzelnes Modell vergeben werden dürfen. Der endgültige Gesamtsieger des „Europas Auto des Jahres 2027“ wird am 8. Januar 2027 im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Brüsseler Autosalons offiziell bekanntgegeben.




Hinterlassen Sie Feedback dazu