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BYD Fang Cheng Bao Formula S GT (2027): Der 657-PS-Shooting-Brake greift den Taycan an

Ein gelber Formula S GT Sportwagen in der Nähe eines Bergsees
Formula S GT

Die Zeit, in der chinesische Hersteller den europäischen Markt ausschließlich mit funktionalen SUVs überfluteten, ist vorbei. Mit der Weltpremiere des GT-Projekts „Formula S“ und der Shooting-Brake-Version „Formula S GT“ für das Modelljahr 2027 attackiert BYDs Premium-Tochter Fang Cheng Bao (auch als Formula Bao bekannt) das Kernsegment der deutschen Automobilindustrie: den sportlichen Reisekombi. Auf Basis der neuen e-Platform 3.0 Evo (800-Volt-Architektur) kombiniert das über fünf Meter lange Fahrzeug brachiale Längsdynamik mit modernster Fahrwerkstechnik. In der Allrad-Topversion leistet der Formula S GT 490 kW (657 PS) und fährt bis zu 240 km/h schnell. Die eigentliche Kampfansage an Porsche Taycan Sport Turismo und den neuen Audi A6 Avant e-tron liegt jedoch in der Zellchemie: Die zweite Generation der LFP-Blade-Batterie soll das Fahrzeug per Flash-Charging in aberwitzigen neun Minuten von 1 auf 97 Prozent State of Charge (SoC) laden. Wir analysieren das magnetorheologische DiSus-M-Fahrwerk, die Antriebsstränge und die Auswirkungen auf den europäischen Premium-Markt.

Ein gelber Formula S GT Sport-Crossover in der Nähe eines Bergsees
Formula S GT

Für die deutschen Premium-Hersteller ist dieses Modell eine hochgradig ernst zu nehmende Bedrohung. Bislang galt die Entwicklung von flachen, aerodynamisch perfekten und fahraktiven GT-Modellen als Domäne von Porsche, Audi und BMW. BYD demonstriert mit dem Formula S GT nun, dass man das Kapital und das technische Know-how besitzt, um genau diese Nische mit überlegener Software und Batterietechnik zu besetzen.

1. Plattform und Karosserie: Echte GT-Proportionen

Optisch bedient der Formula S GT die klassische Ästhetik eines Shooting Brakes: eine lange Haube, ein extrem flaches Greenhouse und ein sanft, aber kraftvoll abfallendes Heck. Das Fahrzeug misst in der GT-Spezifikation 5.095 Millimeter in der Länge (die Liftback-Version „Formula S“ ist mit 5.060 mm minimal kürzer). Die Breite von 1.967 Millimetern und die für ein Elektroauto bemerkenswert flache Höhe von 1.483 Millimetern sorgen für einen satten Stand auf der Straße. Der Radstand von 2.960 Millimetern ermöglicht es, das massive Akkupaket tief zwischen den Achsen zu platzieren und gleichzeitig ausreichend Beinfreiheit für vier Erwachsene im GT-typisch tief geschnittenen Innenraum zu garantieren.

Das Fundament bildet die e-Platform 3.0 Evo. Diese Weiterentwicklung der bisherigen BYD-Bodengruppen wurde gezielt auf eine reine 800-Volt-Hochvoltarchitektur und höchste Torsionssteifigkeit getrimmt. Im Gegensatz zu hochbeinigen SUVs reduziert die geringe Stirnfläche des S GT den Luftwiderstand auf der Autobahn massiv, was direkte Auswirkungen auf die Effizienz bei hohen Geschwindigkeiten hat.

2. Antriebsvielfalt: Bis zu 657 PS und 240 km/h

Während viele asiatische Importfahrzeuge bei 160 oder 180 km/h elektronisch abgeriegelt werden, setzt Fang Cheng Bao beim Formula S GT ein klares Zeichen in Richtung Europa. Die Höchstgeschwindigkeit wird erst bei 240 km/h elektronisch begrenzt, was das Fahrzeug absolut autobahntauglich für die linke Spur in Deutschland macht.

Die Antriebspalette ist klassisch dreistufig aufgebaut. Für Flottenkunden und Effizienz-Fahrer gibt es zwei Heckantriebs-Varianten (RWD), die wahlweise 245 kW (329 PS) oder 300 kW (402 PS) an die Hinterachse schicken. Das fahrdynamische Flaggschiff ist das Allradmodell (AWD). Hier ergänzt ein Frontmotor das Setup zu einer Systemleistung von 490 kW (657 PS). Im direkten Vergleich liegt der Chinese damit auf Augenhöhe mit einem Porsche Taycan 4S oder einem Audi S6 e-tron.

3. Flash-Charging: In neun Minuten voll

Die Spezifikationen der Ladeinfrastruktur klingen derzeit noch nach Science-Fiction, basieren aber auf handfesten chemischen Fortschritten. Wie schon beim SUV-Bruder BYD Tang EV kommt im Formula S GT die zweite Generation der LFP-Blade-Batterie zum Einsatz. Käufer können zwischen zwei Kapazitäten wählen: 76,7 kWh und 92,1 kWh.

Die RWD-Long-Range-Version mit dem großen 92-kWh-Akku erreicht nach dem chinesischen CLTC-Zyklus eine Reichweite von rund 900 Kilometern. Nach europäischem WLTP-Standard sollten realistische 650 Kilometer übrig bleiben. Das eigentliche Erdbeben ist jedoch das thermische Management der Batterie. BYD gibt an, dass das 800-Volt-System sogenanntes „Flash-Charging“ unterstützt. Unter optimalen Bedingungen soll das Akkupaket in unfassbaren neun Minuten von 1 auf 97 Prozent geladen werden. Ein derart massiver Ladehub (weit jenseits des üblichen 10-bis-80-Prozent-Fensters) in unter zehn Minuten setzt eine extrem leistungsfähige Flüssigkeitskühlung der Zellen voraus. Wenn sich diese Werte an europäischen Megawatt- oder 400-kW-Gleichstromladern in der Realität verifizieren lassen, wäre das Ladezeiten-Argument gegen Elektroautos endgültig physikalisch zerstört.

4. Fahrwerk und Fahrdynamik: DiSus-M und Hinterachslenkung

Um ein über fünf Meter langes und mehr als zwei Tonnen schweres Fahrzeug auf kurvigen Landstraßen agil zu machen, bedient sich BYD im obersten Regal der Fahrwerkstechnik. Der Formula S GT ist mit einer mitlenkenden Hinterachse ausgestattet, die den Wendekreis in der Stadt drastisch reduziert und das Heck bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn stabilisiert.

Das Herzstück der Querdynamik ist jedoch das Fahrwerk namens „DiSus-M“. Das „M“ steht für magnetorheologisch. Statt klassischer Ölventile enthalten die Stoßdämpfer eine spezielle Flüssigkeit, die mikroskopisch kleine Eisenpartikel beinhaltet. Sensoren scannen die Fahrbahn kontinuierlich ab. Wenn das System eine Bodenwelle oder eine schnelle Kurveneinfahrt registriert, legt ein Steuergerät in Millisekundenbruchteilen ein Magnetfeld an den Dämpfer an. Die Eisenpartikel richten sich sofort aus, die Viskosität der Flüssigkeit ändert sich und der Dämpfer wird blitzartig stahlhart. Entfällt das Magnetfeld, wird der Dämpfer sofort wieder weich und komfortabel. Diese Technologie (bekannt aus dem Audi Magnetic Ride oder dem Ferrari Bumpy-Road-Mode) garantiert eine extrem weite Spreizung zwischen komfortablem Reise-Kombi und knallhartem Sportwagen.

Für die Längs- und Querführung im autonomen Betrieb sorgt ein hochauflösendes LiDAR-System, das unauffällig in die Dachlinie oberhalb der Frontscheibe integriert ist und fortgeschrittenes Navigate on Autopilot (NOA) ermöglicht.

5. Preis-Schock und Positionierung

In China starteten die Vorbestellungen für die Formula S Baureihe im August 2026 zu Preisen zwischen 230.000 und 280.000 RMB. Das entspricht umgerechnet etwa 32.300 bis 39.300 US-Dollar. Selbst wenn man für einen Export nach Europa die drastischen Importzölle der EU, Homologationskosten, Fracht und die 19-prozentige deutsche Mehrwertsteuer aufschlägt, dürfte der Formula S GT in Deutschland bei einem Preis von rund 65.000 bis 75.000 Euro starten. Ein Porsche Taycan Sport Turismo kostet in der Basisversion nackt über 100.000 Euro.

Technische Spezifikationen im Überblick

Spezifikation
Fang Cheng Bao Formula S GT (Topmodell AWD)
Fahrzeugklasse
Premium Shooting Brake / Gran Turismo
Länge / Breite / Höhe
5.095 mm / 1.967 mm / 1.483 mm
Radstand
2.960 mm
Architektur
e-Platform 3.0 Evo (800 Volt)
Motorleistung (System)
490 kW (657 PS) Allradantrieb
Höchstgeschwindigkeit
240 km/h
Batterietechnik
92,1 kWh Blade Battery Gen 2 (LFP)
Ladeleistung (Flash-Charging)
1 % bis 97 % in ca. 9 Minuten
Max. Reichweite (CLTC)
bis zu 900 km (RWD-Version)
Fahrwerk & Agilität
DiSus-M (magnetorheologisch) + Hinterachslenkung

Fazit und Einschätzung von Jurij Senkewitsch

Bis heute klammerten sich die deutschen Hersteller an die Hoffnung, dass die asiatische Konkurrenz zwar technologisch starke, aber emotionslose SUVs für die Masse baut. Der Fang Cheng Bao Formula S GT pulverisiert diese Illusion. Er sieht nicht nur extrem gut proportioniert aus, er greift exakt dort an, wo es wehtut: bei Fahrdynamik und Ladegeschwindigkeit.

Eine Ladezeit von neun Minuten (für fast die volle Batteriekapazität) und ein Fahrwerk, das die Viskosität im Dämpfer per Magnetfeld steuert, sind Ingenieursleistungen, die selbst in Stuttgart oder Ingolstadt tiefen Respekt einfordern werden. Wenn BYD es schafft, die Lenkungsabstimmung dieses Shooting Brakes auch nur annähernd auf das Niveau eines Audi e-tron GT oder Porsche Taycan zu bringen, wird der Formula S GT zu einem massiven Problem für das europäische Preisgefüge. Der GT beweist: Die chinesische Autoindustrie kopiert nicht mehr, sie diktiert nun das technische Tempo im Premium-Segment.

Jurij Senkewitsch

Fachautor für Elektromobilität bei EvAutos25. Er spezialisiert sich auf Elektroautos, Batterietechnologien und Ladeinfrastruktur sowie auf die Analyse des deutschen und europäischen E-Auto-Marktes.

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