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MG Cyber X oder Projekt 101? Was hinter dem neuen Elektro-SUV von SAIC steckt

Der futuristische MG Cyber ​​X unter dem Sternenhimmel
MG Cyber X

Beim Goodwood Festival of Speed 2026 zog MG Motor (unter dem Dach des chinesischen SAIC-Konzerns) das Tuch von einem Fahrzeug, das im Netz seither für massive Verwirrung sorgt. Offiziell von den PR-Verantwortlichen als „MG Cyber Concept“ betitelt, kursiert der D-Segment-Performance-SUV in internen Zuliefererpapieren und Leaks unter dem Werkscode „MG 101“ und in den Medien hartnäckig als „MG Cyber X“. Unabhängig vom finalen Namensschild, das 2027 auf der Heckklappe der Serienversion kleben wird, ist die strategische Marschrichtung klar: MG will den emotionalen Halo-Effekt seines elektrischen Roadsters (Cyberster) auf ein massentaugliches, aber extrem leistungsstarkes Elektro-SUV übertragen. Wir analysieren das Namenschaos, die zu erwartende 800-Volt-Architektur der MSP-Plattform und klären, warum dieses Fahrzeug in Europa direkt gegen das Tesla Model Y Performance und den Porsche Macan Electric positioniert wird.

Futuristischer SUV auf dem Mond
MG Cyber X

Die Transformation von MG ist faszinierend. Die Marke, die in Europa einst für günstige Kompaktwagen (MG4) bekannt wurde, drängt aggressiv in das Premium-Segment. Doch wie unsere Analyse der EU-Strafzölle zeigte, muss SAIC aktuell 37,6 Prozent Importsteuern auf reine Elektroautos abführen. Ein Premium-SUV aus China ist daher aktuell ein gigantisches finanzielles Wagnis.

Futuristisches Cyber ​​X auf dem Mond
MG Cyber X

1. Das Namens-Wirrwarr: Projekt 101 vs. Cyber X

Warum gibt es drei verschiedene Namen für dasselbe Auto? Die Erklärung liegt in der chinesischen Entwicklungshistorie. Die Bezeichnung „MG 101“ (oft auch EH101) ist nichts anderes als der interne R&D-Entwicklungscode bei SAIC. Ähnlich wie Porsche seine internen Baureihen mit Nummern (956, K1) versieht, nutzt SAIC numerische Codes für den Prototypenbau, die Zertifizierung und die Kommunikation mit Batterielieferanten wie CATL. Sobald ein Fahrzeug die Serienreife erreicht, verschwindet dieser Code aus der Öffentlichkeit.

Der Name „Cyber X“ hingegen entstammt der Logik der globalen MG-Marketingabteilung. Mit dem elektrischen Roadster „Cyberster“ und dem in Goodwood gezeigten Coupé „Cyber GTS“ etabliert MG gerade eine eigenständige Hochleistungs-Submarke („Cyber“). Da der Buchstabe „X“ branchenüblich für Crossover- und SUV-Modelle steht (siehe Model X, BMW X-Reihe), ist „Cyber X“ die mathematisch logischste Nomenklatur für das Serienmodell. Dass MG in Goodwood vorerst nur vom generischen „Cyber Concept“ sprach, dient lediglich dazu, das endgültige Branding bis zur offiziellen Weltpremiere der Serienversion 2027 zurückzuhalten und die Marktreaktionen auf das Design zu testen.

2. Design-DNA: EX181 trifft auf SUV-Proportionen

Optisch löst sich das Konzeptfahrzeug stark vom massentauglichen, leicht biederen Look des MG Marvel R oder des MG HS. Das Londoner Designstudio von SAIC (unter der Leitung von Carl Gotham) orientiert sich stattdessen an der historischen MG-Motorsport-DNA, spezifisch an dem Rekordfahrzeug EX181 aus den 1950er Jahren.

Die Frontpartie des Cyber Concept / Cyber X verzichtet auf einen künstlichen Kühlergrill und zieht die Nase im Stile eines Sportwagens extrem weit nach unten. Die abfallende Dachlinie (Coupé-SUV-Design) und ausgestellte Radhäuser im Heckbereich sollen den optischen Schwerpunkt senken. Das Ziel ist es, den enormen aerodynamischen Nachteil eines SUVs (große Stirnfläche) durch eine fließende Tropfenform zu kompensieren, was den cW-Wert in Richtung 0,23 drücken soll.

3. Technische Basis: Die MSP-Plattform aus dem Cyberster

Technologisch wird der Cyber X keine komplette Neuentwicklung, sondern bedient sich aus dem modularen Baukasten. Er basiert auf der SAIC „Modular Scalable Platform“ (MSP), die explizit für Heck- und Allradantriebe konzipiert wurde. Im Gegensatz zum günstigen MG4, der eine 400-Volt-Architektur nutzt, wird das Flaggschiff-SUV zwingend auf ein 800-Volt-System setzen müssen, um im D-Segment (Länge ca. 4,75 Meter) gegen die deutsche Konkurrenz bestehen zu können.

Beim Antriebsstrang wird MG aller Voraussicht nach das Setup des Cyberster-Roadsters 1:1 in das SUV transplantieren. Das bedeutet in der Allrad-Topversion: Ein Asynchronmotor an der Vorderachse und ein Permanentmagnet-Synchronmotor an der Hinterachse, die zusammen bis zu 400 kW (544 PS) und 725 Newtonmeter Drehmoment auf die Straße wuchten. Damit würde das SUV den Sprint von 0 auf 100 km/h in knapp unter vier Sekunden absolvieren. Um das hohe Gewicht von voraussichtlich 2,3 Tonnen dynamisch zu kaschieren, dürfte MG analog zum Cyberster auf eine Doppelquerlenker-Vorderachse und eine aufwendige Mehrlenker-Hinterachse setzen – eventuell sogar ergänzt durch adaptive Dämpfer oder eine Luftfederung, die bei Testfahrzeugen in China bereits gesichtet wurde.

4. Batterie und Reichweite: Das NMC-Dilemma

Für die Energieversorgung im Cyber X wird SAIC auf eine flüssigkeitsgekühlte NMC-Batterie (Nickel-Mangan-Cobalt) setzen. Es werden Akkugrößen zwischen 77 kWh (Basis) und rund 90 kWh (Long Range) erwartet. Eine LFP-Batterie (Lithium-Eisenphosphat) ist für ein Performance-SUV dieser Gewichtsklasse aufgrund der geringeren Energiedichte eher unwahrscheinlich, da sonst das Leergewicht zu stark ansteigen würde.

Mit einem 90-kWh-Akku sollte der Cyber X nach WLTP-Norm rund 500 bis 550 Kilometer Reichweite erzielen. Dank der 800-Volt-Architektur dürften Ladeleistungen von bis zu 250 kW (DC) an der Schnellladesäule möglich sein, womit der Ladehub von 10 auf 80 Prozent in gut 20 Minuten abgeschlossen wäre.

5. Marktpositionierung und die Zoll-Problematik

Das größte Problem des künftigen MG Cyber X ist nicht die Technik, sondern die Politik. Wenn MG dieses Auto 2027 in Europa auf den Markt bringt, trifft es auf das härteste Segment der Welt: Hier dominieren das Tesla Model Y, der Porsche Macan Electric, der Audi Q6 e-tron und künftig Modelle von Nio und Xpeng.

Um Marktanteile zu gewinnen, müsste MG den Cyber X preislich deutlich unterhalb der deutschen Premium-Konkurrenz ansetzen (schätzungsweise bei rund 60.000 Euro für die 500-PS-Version). Da die EU jedoch 37,6 Prozent Strafzölle auf SAIC-Elektroautos erhebt (plus 10 % regulären Zoll), wird das Fahrzeug beim Import nach Europa extrem teuer. MG müsste den Cyber X in China entweder mit massivem Verlust produzieren oder den Endpreis in Europa auf über 80.000 Euro anheben – eine Preisregion, in der europäische Käufer historisch gesehen lieber zum Porsche- oder Audi-Händler gehen.

Erwartete Spezifikationen (Projekt 101 / Cyber X vs. Cyberster)

Spezifikation
Erwartet: MG Cyber X (SUV)
Benchmark: MG Cyberster (Roadster)
Fahrzeugklasse
Performance-SUV (D-Segment)
Performance-Roadster
Plattform
MSP (Modular Scalable Platform)
MSP (Modular Scalable Platform)
Antrieb (Topmodell)
Dual-Motor AWD (ca. 400 kW / 544 PS)
Dual-Motor AWD (400 kW / 544 PS)
Drehmoment
ca. 725 Nm
725 Nm
Batteriekapazität (NMC)
ca. 77 kWh bis 90 kWh
77 kWh
Bordnetzspannung
Vermutlich 800 Volt
400 Volt
Reichweite (WLTP)
ca. 500 – 550 km
443 km
Marktstart (Serie)
2027
Bereits verfügbar (2024/2025)

Fazit und Einschätzung von Jurij Senkewitsch

Ob das Auto am Ende MG 101, Cyber X oder schlichtweg MG S-Cross heißt, ist für den Endkunden völlig irrelevant. Entscheidend ist die Substanz. Mit der MSP-Plattform und den elektrischen Komponenten des Cyberster besitzt SAIC das technische Rüstzeug, um ein extrem schnelles und fahrdynamisch kompetentes Elektro-SUV auf die Räder zu stellen. Das Design aus London beweist zudem, dass MG verstanden hat, wie man emotionale Autos zeichnet.

Das eigentliche Risiko für dieses Projekt liegt in Brüssel und in der europäischen Markenwahrnehmung. SAIC steht mit fast 48 Prozent Gesamtsteuern an der EU-Grenze im Regen. Wenn MG dieses Auto künstlich verteuern muss, gerät es in direkte Konkurrenz zu Fahrzeugen wie dem Porsche Macan Electric. Und bei aller Liebe zum britisch-chinesischen Design: Für 80.000 Euro kauft der deutsche Durchschnittskunde im Jahr 2027 immer noch lieber das Wappen aus Stuttgart als das MG-Achteck aus Shanghai. Der Cyber X wird ein technologischer Härtetest für SAICs Durchhaltevermögen in Europa.

Jurij Senkewitsch

Fachautor für Elektromobilität bei EvAutos25. Er spezialisiert sich auf Elektroautos, Batterietechnologien und Ladeinfrastruktur sowie auf die Analyse des deutschen und europäischen E-Auto-Marktes.

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