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Lancia Gamma 2027: 740 km Reichweite und das Comeback der italienischen Legende

Elektrischer Lancia Gamma in der Nähe eines modernen Hauses
Lancia Gamma 2027

Lancia meldet sich eindrucksvoll zurück. Mit dem neuen Lancia Gamma (2027) präsentiert der Traditionshersteller einen 4,67 Meter langen Elektro-Crossover, der das C-Segment aufmischen soll. Das Fahrzeug basiert auf der STLA Medium Plattform von Stellantis und wird im italienischen Melfi produziert. Der technische Paukenschlag: Eine Long-Range-Version mit 245 PS soll über 740 Kilometer WLTP-Reichweite erzielen. Zusätzlich flankiert ein 145-PS-Hybrid mit über 1.000 Kilometern Gesamtreichweite das Portfolio. Doch reicht das italienische Design, um gegen das etablierte Tesla Model Y zu bestehen? Ein harter Fakten-Check.

Elektrischer Lancia vor einem modernen Haus
Lancia Gamma 2027

Totgesagte leben länger. Nach Jahren der automobilen Bedeutungslosigkeit, in denen die Marke Lancia faktisch nur noch aus dem veralteten Kleinwagen Ypsilon für den italienischen Heimatmarkt bestand, drückt Stellantis nun gewaltig aufs Tempo. Auf der Automesse in Paris fiel der Vorhang für die strategische Zukunft der Marke: Der Lancia Gamma kehrt 2027 zurück. Doch wer jetzt an eine klassische Limousine im Stil der 70er Jahre denkt, wird enttäuscht oder überrascht sein. Der neue Gamma transformiert sich in einen Crossover-Fastback im hart umkämpften C-Segment. Er ist kein Nischenprodukt für Nostalgiker, sondern ein essenzieller Volumenträger, der Lancia in Europa wieder auf die Karte setzen muss.

Futuristischer Innenraum des Lancia Gamma an einem Gebirgssee
Lancia Gamma 2027

Die nackten Zahlen aus der offiziellen Pressemitteilung machen sofort klar, wohin die Reise geht. Lancia zielt nicht auf die günstige Einstiegsklasse, sondern positioniert den Gamma als technologisches Aushängeschild. Im Zentrum der Ankündigung steht ein massiver Reichweiten-Claim von über 740 Kilometern für die rein elektrische Top-Version. Damit stößt der Gamma in Regionen vor, die bisher Fahrzeugen der 100.000-Euro-Klasse vorbehalten waren. Doch Papier ist geduldig, und die Physik lässt sich auch mit italienischem Design nicht überlisten. Werfen wir einen genauen Blick auf die Hardware, die diesen Crossover antreibt.

Die STLA Medium Plattform: Das technologische Rückgrat

Der Lancia Gamma basiert auf der STLA Medium Plattform des Stellantis-Konzerns. Diese Architektur ist uns bereits bestens bekannt, da sie auch den Peugeot e-3008 und den Opel Grandland Electric trägt. Für den Gamma skizziert Lancia die folgenden Dimensionen:

  • Fahrzeuglänge: 4,67 Meter
  • Fahrzeugbreite: 1,89 Meter
  • Fahrzeughöhe: 1,66 Meter

Mit 4,67 Metern Länge platziert sich der Gamma exakt in der Schnittmenge zwischen einem klassischen Kompakt-SUV und der Mittelklasse. Er ist damit rund 13 Zentimeter länger als ein VW ID.4, bleibt aber knapp unter den 4,75 Metern eines Tesla Model Y. Die Fastback-Silhouette, also ein abfallendes Heck, dient nicht nur der sportlichen Optik, sondern ist ein zwingendes aerodynamisches Mittel, um den Luftwiderstand (Cw-Wert) zu drücken und die Reichweite zu maximieren.

Drei BEV-Versionen: Von 230 bis 375 PS

Lancia wird den rein elektrischen Gamma in drei Leistungsstufen anbieten, die das komplette Spektrum vom Pendlerfahrzeug bis zum sportlichen Allradler abdecken:

  • BEV Basis (Standard Range): 230 PS mit Frontantrieb und einer prognostizierten WLTP-Reichweite von über 540 Kilometern.
  • BEV Long Range: 245 PS mit Frontantrieb und dem prestigeträchtigen Claim von über 740 Kilometern WLTP-Reichweite.
  • BEV Topversion (AWD): 375 PS mit Dual-Motor-Allradantrieb und bis zu 675 Kilometern Reichweite.

Das eigentliche Highlight ist zweifellos die Long-Range-Variante mit ihren 740 Kilometern. Um diesen Wert auf der STLA Medium Plattform zu erreichen, muss Stellantis das ganz große Batteriepaket verbauen. Wir sprechen hier von einem netto 96 kWh (brutto 98 kWh) großen Nickel-Mangan-Cobalt-Akku (NMC). Eine solche Batteriekapazität in einem Fahrzeug des C-Segments ist ein massives Statement. Zum Vergleich: Das Tesla Model Y Long Range verfügt über gut 20 kWh weniger Kapazität.

Doch diese brutale Kapazität hat einen entscheidenden Haken: das Gewicht. Eine fast 100 kWh große NMC-Batterie drückt das Leergewicht des Fahrzeugs unweigerlich in Richtung der 2,2-Tonnen-Marke. Wie unsere Erfahrungen im Opel Grandland Electric Test (der auf derselben Plattform aufbaut) zeigen, schrumpft eine WLTP-Prognose von knapp 700 Kilometern auf der realen deutschen Autobahn bei 130 km/h schnell auf reale 480 bis 520 Kilometer zusammen. Das ist für einen Roadtrip immer noch hervorragend, man sollte die 740 Kilometer aus dem Prospekt jedoch als das verstehen, was sie sind: Ein normierter Laborwert für den gemischten Betrieb bei 23 °C Außentemperatur.

Der 400-Volt-Nachteil an der Ladesäule

Ein kritischer Blick gebührt der Lade-Architektur. Während südkoreanische Hersteller (Hyundai, Kia) und mittlerweile auch chinesische Marken wie Xpeng in dieser Preisklasse konsequent auf 800-Volt-Systeme setzen, arbeitet die STLA Medium Plattform weiterhin mit 400 Volt. Das limitiert die maximale Ladeleistung (DC) auf rund 160 kW. Um ein massives 96-kWh-Batteriepaket von 10 auf 80 Prozent zu laden, vergehen somit gute 30 Minuten am HPC-Lader (High Power Charger). Das ist kein Beinbruch, aber für ein Modelljahr 2027 nicht mehr die technologische Speerspitze. Lancia wird dieses Manko durch eine extrem flache Ladekurve kompensieren müssen, um die Ladezeiten auf Langstrecken erträglich zu halten.

Der 145-PS-Hybrid: Die Versicherung für Südeuropa

Stellantis ist pragmatisch. Ein Blick auf die Ladeinfrastruktur in Lancias Heimatland Italien oder in Spanien zeigt, dass der reine Elektroantrieb dort noch immer mit Vorbehalten kämpft. Daher schiebt Lancia eine Hybrid-Version nach. Dieser Mild-Hybrid (MHEV) wird 145 PS leisten und eine kombinierte Gesamtreichweite von über 1.000 Kilometern bieten. Der kleine Elektromotor im Doppelkupplungsgetriebe erlaubt es, beim Rangieren oder im Stop-and-Go-Verkehr rein elektrisch zu rollen.

Dieser Antriebsbaukasten basiert auf der Evolution des 1.2-Liter-Dreizylinder-Motors von Stellantis. Man kann nur hoffen, dass die Ingenieure die alte Problematik der im Ölbad laufenden Zahnriemen bei diesen neuen MHEV-Generationen (die nun eine Steuerkette besitzen) endgültig ad acta gelegt haben. Für Lancia ist der Hybrid ökonomisch jedoch überlebenswichtig. Er wird den Einstiegspreis des Gamma massiv drücken und Flottenkunden ansprechen, die noch nicht bereit für den rein elektrischen Sprung sind.

Spezifikation Lancia Gamma BEV Long Range (2027) Tesla Model Y Long Range RWD (2024)
Fahrzeuglänge 4,67 Meter 4,75 Meter
Plattform STLA Medium (Multi-Energy) Tesla Skateboard (Dediziert BEV)
Leistung 245 PS (180 kW) 340 PS (250 kW)
Batterie (netto) ca. 96 kWh (NMC) ca. 75 kWh (NMC)
WLTP-Reichweite > 740 km 600 km
Ladeleistung (Peak) ca. 160 kW (400 Volt) 250 kW (400 Volt, hohes Ampere-Limit)
Produktion Melfi, Italien Grünheide, Deutschland

Produktion in Melfi: Italienischer Stolz trifft auf harte Realität

Ein politisch extrem sensibles Thema für den Stellantis-Konzern ist der Produktionsstandort. Alfa Romeo erntete kürzlich heftige Kritik aus der italienischen Regierung, weil der neue Kompakt-SUV ‚Junior‘ im polnischen Tychy vom Band läuft. Lancia begeht diesen Fehler beim Flaggschiff nicht. Der Gamma wird im traditionsreichen Werk in Melfi, Süditalien, gefertigt.

Dies ist nicht nur ein PR-Schachzug, sondern ein Bekenntnis zur Marke. ‚Made in Italy‘ soll als Gütesiegel fungieren. Melfi wird derzeit massiv für die STLA Medium Plattform umgerüstet. Von hier aus soll der Gamma ab 2027 den europäischen Markt erobern. Für die italienischen Gewerkschaften und die angeschlagene Zuliefererindustrie in der Region Basilikata ist diese Entscheidung ein existenzieller Rettungsanker.

Design: Der Bruch mit der Kugel

Auch wenn Lancia noch keine ungetarnten Bilder des Serienfahrzeugs veröffentlicht hat, sprechen die Indizien eine klare Sprache. Der Gamma wird die neue Designsprache der Konzeptstudie „Pu+Ra HPE“ adaptieren. Das bedeutet: Ein beleuchteter, kelchförmiger LED-Kühlergrill an der Front, scharfe geometrische Linien und ein Fastback-Heck, das aerodynamisch abfällt. Lancia will das Fahrzeug als luxuriöse Alternative zu den oft unterkühlten deutschen Premium-Marken positionieren. Im Innenraum dürfte uns eine Materialschlacht aus nachhaltigen Stoffen, Alcantara und italienischem Möbeldesign erwarten. Stellantis hat verstanden, dass Lancia nur über Emotionen und Stil verkauft werden kann – die reine Hardware teilen sie sich ohnehin mit Peugeot und Opel.

740 Kilometer als Kampfansage

Lancia meldet sich nicht mit einem Nischen-Sportwagen zurück, sondern greift mit dem Gamma exakt dort an, wo das Geld verdient wird: Im Segment der kompakten Premium-Crossover. Die Entscheidung, das Fahrzeug auf der STLA Medium Plattform aufzubauen, ist absolut folgerichtig.

Die 740 Kilometer WLTP-Reichweite sind auf dem Papier ein gewaltiges Verkaufsargument, das selbst Tesla-Fahrer aufhorchen lässt. Doch als pragmatischer Tester warne ich vor überzogenen Erwartungen: Um diese Reichweite zu erzielen, schleppt der Gamma eine massive, fast 100 kWh große Batterie mit sich herum. Das bedeutet hohes Gewicht, erhöhten Reifenverschleiß und – mangels 800-Volt-System – längere Standzeiten an der Ladesäule. Ein Tesla Model Y oder ein Hyundai Ioniq 5 mögen 150 Kilometer weniger WLTP-Reichweite haben, kompensieren dies aber durch überlegene Antriebseffizienz und rasante Ladegeschwindigkeiten.

Dennoch: Der Lancia Gamma hat das Potenzial, ein echter Geheimtipp für Individualisten zu werden. Wer ein Auto sucht, das nicht an jeder zweiten Straßenecke steht, italienisches Flair versprüht und dank des optionalen Hybrid-Antriebs auch für Fahrer ohne eigene Wallbox nutzbar bleibt, sollte 2027 genau hinsehen. Wenn Stellantis die Verarbeitungsqualität in Melfi auf Premium-Niveau hochzieht und die Software-Stabilität in den Griff bekommt, könnte der Gamma das Wunder vollbringen und Lancia tatsächlich vor dem endgültigen Untergang bewahren.

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