KGMs Reichweiten-Dilemma: 80,6-kWh-Akku – doch beim Musso EV bleiben nur 379 km

KGM bringt mit dem Musso EV einen der ungewöhnlichsten Elektro-Neuzugänge auf den deutschen Markt – doch ausgerechnet die große 80,6-kWh-Batterie legt eine Schwäche offen. Während die frontgetriebene Version noch bis zu 420 km WLTP erreicht, bleiben beim stärkeren Musso EV 4WD nur 379 km übrig. Gleichzeitig steigt der offizielle Verbrauch von 23,0 auf 26,0 kWh/100 km. Für einen elektrischen Pick-up mit Allradantrieb sind diese Werte erklärbar, auf dem deutschen Markt entsteht trotzdem ein Problem: Eine Batterie mit mehr als 80 kWh weckt inzwischen Erwartungen von deutlich über 400 km Reichweite. Der Musso EV zeigt damit ziemlich deutlich, wie stark Gewicht, Karosserie und Allradantrieb die Vorteile eines großen Akkus wieder aufzehren können.

80,6 kWh – aber nur 379 km mit Allradantrieb
Beide deutschen Varianten verwenden eine 80,6-kWh-LFP-Batterie, liefern daraus aber sehr unterschiedliche Ergebnisse. Der Musso EV 2WD mit einem 152 kW (207 PS) starken Elektromotor erreicht offiziell 420 km WLTP und verbraucht kombiniert 23,0 kWh/100 km. Beim 4WD kommt ein zweiter Elektromotor hinzu. Die deutsche Spezifikation weist jeweils 152 kW an Vorder- und Hinterachse aus, während die Reichweite auf 379 km sinkt und der WLTP-Verbrauch auf 26,0 kWh/100 km steigt. Der Reichweitenverlust beträgt damit 41 km beziehungsweise knapp zehn Prozent – obwohl sich an der Batteriekapazität nichts ändert.

KGM Musso EV |
2WD |
4WD |
|---|---|---|
Batterie |
80,6 kWh |
80,6 kWh |
Motor |
1 E-Motor |
2 E-Motoren |
Leistung |
152 kW (207 PS) |
152 kW vorn + 152 kW hinten* |
Verbrauch WLTP |
23,0 kWh/100 km |
26,0 kWh/100 km |
Reichweite WLTP |
420 km |
379 km |
Leergewicht |
2.165 kg |
2.285 kg |
Anhängelast gebremst |
1.800 kg |
2.300 kg |
DC-Laden |
120 kW |
120 kW |
Warum verbraucht der Musso EV so viel Strom?
Die Ursache liegt weniger in einer einzelnen technischen Schwäche als im Fahrzeugkonzept. Der Musso EV ist 5,16 Meter lang, 1,92 Meter breit und besitzt einen Radstand von 3,15 Metern. Hinzu kommt die für einen Pick-up typische Karosserie mit großer Stirnfläche und offener Ladefläche. Der 2WD wiegt bereits 2.165 kg, der 4WD sogar 2.285 kg. Damit muss der elektrische Antrieb deutlich mehr Masse bewegen als bei einem normalen Elektro-Crossover. Besonders auf der Autobahn kommt die Aerodynamik hinzu: Ein Pick-up kann konstruktionsbedingt nicht so effizient durch die Luft schneiden wie eine flache Limousine. Die 26,0 kWh/100 km des Allradmodells sind deshalb nachvollziehbar – zeigen aber gleichzeitig, warum selbst 80,6 kWh Batteriekapazität keine außergewöhnliche Reichweite garantieren.
Der Allradantrieb kostet 41 km Reichweite
Der Unterschied zwischen beiden Varianten ist besonders interessant, weil Batterie und Karosserie weitgehend identisch bleiben. Mit dem zweiten Elektromotor steigt das Leergewicht um rund 120 kg. Gleichzeitig verbessert sich die Traktion und die gebremste Anhängelast wächst von 1.800 auf 2.300 kg. Wer den Musso EV tatsächlich als Arbeitsfahrzeug, für schwere Anhänger oder auf schwierigem Untergrund einsetzen möchte, bekommt mit dem 4WD also einen erheblichen praktischen Vorteil. Bezahlt wird dieser jedoch mit höherem Energieverbrauch und 41 km weniger WLTP-Reichweite. Genau deshalb dürfte für viele Käufer nicht automatisch der stärkere Allradler die bessere Wahl sein.
Auf der Autobahn könnten von 379 km deutlich weniger übrig bleiben
Der WLTP-Wert ist bei einem Fahrzeug wie dem Musso EV nur ein Teil der Geschichte. Unabhängige Reichweitenprognosen gehen beim 4WD unter milden Bedingungen von ungefähr 320 km Autobahnreichweite bei konstant 110 km/h aus. Im Winter werden unter ungünstigen Bedingungen nur noch rund 255 km erwartet. Für den 2WD liegen die entsprechenden Schätzungen bei etwa 325 km im Sommer und 260 km im Winter. Diese Werte sind keine KGM-Werksangaben und kein EvAutos25-Fahrtest, zeigen aber, warum ein großer Pick-up trotz 80-kWh-Akku auf langen Strecken schneller an die Ladesäule muss, als die Batteriekapazität zunächst vermuten lässt.
Mit Anhänger wird die Reichweite zur entscheidenden Frage
Besonders spannend wird der Musso EV aus deutscher Sicht als Zugfahrzeug. Der 2WD darf bis zu 1.800 kg gebremst ziehen, beim 4WD sind es sogar 2.300 kg. Damit eignet sich das Allradmodell grundsätzlich für größere Wohnwagen, Pferdeanhänger oder Arbeitsgeräte. Gleichzeitig ist genau hier mit einem erheblich höheren Verbrauch zu rechnen. KGM veröffentlicht keinen pauschalen WLTP-Reichweitenwert für den Anhängerbetrieb, und eine konkrete Kilometerzahl wäre ohne Test unseriös. Bei einem Elektrofahrzeug mit bereits 26,0 kWh/100 km ohne Anhänger wird aber klar: Wer die 2,3 Tonnen Anhängelast tatsächlich ausnutzt, sollte nicht mit den 379 km des normalen WLTP-Zyklus planen.
120 kW Ladeleistung verschärfen das Reichweitenproblem
Eine mäßige Reichweite wäre auf Langstrecken weniger problematisch, wenn der Akku anschließend extrem schnell wieder geladen werden könnte. Genau hier besitzt der Musso EV jedoch seine zweite Schwäche. Beide Varianten laden maximal mit 120 kW DC. Für 10 auf 80 Prozent nennt KGM ungefähr 36 Minuten. AC-Laden ist dreiphasig mit 11 kW möglich. Für ein Fahrzeug mit einer 80,6-kWh-Batterie sind 120 kW im Jahr 2026 kein besonders ambitionierter Wert. Gerade beim Einsatz mit Anhänger kann die Kombination aus höherem Verbrauch und längeren Ladepausen deshalb stärker ins Gewicht fallen als im täglichen Pendelverkehr.
80,6 kWh in 36 Minuten: Warum die Ladekurve wichtiger als 120 kW ist
Von 10 auf 80 Prozent müssen rechnerisch rund 56,4 kWh beziehungsweise 70 Prozent der Batteriekapazität geladen werden. Würde der Musso EV konstant seine maximale Leistung von 120 kW halten, wären dafür theoretisch nur rund 28 Minuten notwendig. KGM nennt jedoch etwa 36 Minuten. Daraus lässt sich bereits erkennen, dass die maximale Leistung nicht über den gesamten Ladebereich gehalten wird. Das ist bei Elektroautos normal, zeigt beim Musso aber, warum die reine Peak-Angabe wenig aussagt. Für die Langstrecke ist die durchschnittliche Ladeleistung zwischen 10 und 80 Prozent wesentlich wichtiger.
EvAutos25-Rechnung: Wie stark wirkt sich der Verbrauch aus?
Mit 80,6 kWh besitzt der Musso EV auf dem Papier einen stattlichen Energiespeicher. Eine einfache Modellrechnung zeigt jedoch, wie schnell ein hoher Verbrauch diesen Vorteil reduziert. Bei 20 kWh/100 km entsprächen 80,6 kWh rechnerisch gut 400 km. Bei 26 kWh/100 km sinkt der Wert bereits auf rund 310 km. Steigt der Verbrauch auf einer schnellen Autobahnetappe oder im Anhängerbetrieb weiter, wird die theoretische Distanz entsprechend kleiner.
Fahrverbrauch |
Rechnerische Reichweite mit 80,6 kWh* |
|---|---|
20 kWh/100 km |
403 km |
23 kWh/100 km |
350 km |
26 kWh/100 km |
310 km |
30 kWh/100 km |
269 km |
35 kWh/100 km |
230 km |
40 kWh/100 km |
202 km |
Warum WLTP-Reichweite und einfache Akku-Rechnung nicht übereinstimmen
Auf den ersten Blick fällt auf, dass 80,6 kWh geteilt durch den offiziellen Verbrauch von 23,0 kWh/100 km rechnerisch nur rund 350 km ergeben, obwohl KGM für den 2WD 420 km WLTP nennt. Das ist kein Rechenfehler, sondern zeigt, warum Batteriekapazität und veröffentlichter WLTP-Verbrauch nicht immer direkt miteinander verrechnet werden können. Homologationswerte entstehen nach einem festgelegten Prüfverfahren und können unterschiedliche Bezugsgrößen sowie Ladeverluste berücksichtigen. Deshalb verwendet EvAutos25 die obige Tabelle ausschließlich als Szenario-Rechnung und nicht zur Überprüfung des offiziellen WLTP-Werts.
Der Musso EV hat trotzdem einen klaren Vorteil
Die Reichweite allein würde dem Konzept nicht gerecht. Der Musso EV ist kein klassisches Elektro-SUV, sondern ein echter Pick-up mit Doppelkabine und einer rund 1,35 Meter langen Ladefläche. Er kann fünf Personen transportieren, schwere Anhänger ziehen und über V2L externe elektrische Geräte mit Energie aus der Hochvoltbatterie versorgen. Gerade für Handwerker, Landwirtschaft, Freizeit oder Camping kann diese Kombination wesentlich wichtiger sein als eine möglichst hohe WLTP-Zahl. Wer täglich 80 oder 150 km fährt und nachts an der eigenen Wallbox lädt, dürfte mit 379 oder 420 km Reichweite kaum Probleme bekommen.
2WD oder 4WD: Der günstigere Musso könnte der bessere Elektro-Pick-up sein
Für Käufer, die den Allradantrieb nicht zwingend benötigen, wirkt der 2WD deshalb überraschend attraktiv. Er ist leichter, sparsamer und bietet mit 420 km WLTP rund elf Prozent mehr Reichweite als der 4WD. Gleichzeitig bleiben die 80,6-kWh-LFP-Batterie, 207 PS und die praktische Pick-up-Karosserie erhalten. Die maximale Anhängelast fällt mit 1.800 statt 2.300 kg niedriger aus, reicht aber für viele Wohnwagen und Anhänger weiterhin aus. Der 4WD ist damit das leistungsfähigere Arbeitsgerät, der 2WD könnte jedoch das sinnvollere Elektroauto sein.
41.990 Euro: Der Preis verändert die Bewertung
In Deutschland startet der Musso EV 2WD bei 41.990 Euro. Für den 4WD werden je nach Ausführung Preise ab rund 45.990 Euro aufgerufen. Damit liegt der elektrische Pick-up zwar deutlich über günstigen Kompakt-Stromern, muss aber in einer völlig anderen Fahrzeugklasse bewertet werden. Ein 5,16 Meter langer Elektro-Pick-up mit 80,6-kWh-LFP-Batterie, fünf Sitzplätzen und hoher Anhängelast ist auf dem deutschen Markt weiterhin ungewöhnlich. Der Preis kann deshalb einen Teil der schwächeren Lade- und Reichweitenwerte relativieren – besonders für gewerbliche Käufer, die tatsächlich Ladefläche und Zugkraft benötigen.
Was deutsche Käufer vor der Bestellung beachten sollten
Beim Musso EV sollte die Kaufentscheidung stärker als bei einem normalen Elektro-SUV vom Einsatzzweck abhängen. Wer regelmäßig lange Autobahnetappen fährt, sollte die 120-kW-Ladeleistung und die reale Reichweite besonders kritisch betrachten. Für häufigen Anhängerbetrieb ist der 4WD wegen seiner 2.300 kg Anhängelast attraktiver, gleichzeitig dürfte genau dieser Einsatz den ohnehin höheren Verbrauch weiter steigern. Wer dagegen hauptsächlich regional fährt, zu Hause laden kann und den Pick-up wegen seiner Ladefläche benötigt, bekommt mit dem 2WD das effizientere Gesamtpaket. Auch die LFP-Batterie ist interessant: KGM gewährt auf den Hochvoltakku eine ungewöhnlich lange Garantie von bis zu zehn Jahren beziehungsweise einer Million Kilometer, wobei die jeweiligen Garantiebedingungen gelten.
EvAutos25-Bewertung: Nicht der Akku ist zu klein – der Verbrauch ist zu hoch
Das eigentliche Problem des KGM Musso EV ist nicht seine Batteriekapazität. 80,6 kWh wären für viele Elektroautos ausreichend, um deutlich mehr als 400 km Reichweite anzubieten. Beim Musso treffen diese 80,6 kWh jedoch auf mehr als zwei Tonnen Leergewicht, eine große Pick-up-Karosserie und beim 4WD auf einen zweiten Elektromotor. Das Resultat sind 26,0 kWh/100 km und nur noch 379 km WLTP. Gleichzeitig begrenzen 120 kW DC die Möglichkeit, den Reichweitennachteil auf langen Reisen durch besonders kurze Ladestopps auszugleichen.
Fazit: 80,6 kWh klingen besser, als sich 379 km fahren
Der KGM Musso EV zeigt sehr anschaulich, warum die Größe einer Batterie allein wenig über die Langstreckentauglichkeit eines Elektroautos aussagt. Mit 80,6 kWh besitzt der elektrische Pick-up einen großen Akku, doch der 4WD verbraucht offiziell 26,0 kWh/100 km und erreicht nur 379 km WLTP. Der 2WD macht es mit 23,0 kWh/100 km und 420 km deutlich besser. Dazu kommt eine maximale DC-Ladeleistung von lediglich 120 kW und eine Ladezeit von rund 36 Minuten von 10 auf 80 Prozent.
Für den täglichen Arbeitseinsatz muss das kein Ausschlusskriterium sein. Ladefläche, fünf Sitzplätze, V2L und bis zu 2.300 kg Anhängelast bieten Fähigkeiten, die ein normales Elektro-SUV nicht besitzt. Wer den Musso EV jedoch als Langstrecken- oder Wohnwagenfahrzeug betrachtet, sollte genauer rechnen: Beim 4WD werden aus 80,6 kWh nur 379 km WLTP – und unter Autobahn-, Winter- oder Anhängerbedingungen kann die Reichweite deutlich weiter sinken. Genau hier liegt das eigentliche Reichweiten-Dilemma des elektrischen KGM-Pick-ups.




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