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Imitiertes Schaltgetriebe im Test: Wie der Kia EV4 GT die Emotionen zurückbringt

Kia EV4 GT, die sportliche Elektrolimousine, an der Küste
Kia EV4 GT

Ein Elektroauto mit virtuellem Drehzahlbegrenzer und künstlichen Schaltrucken? Der neue Kia EV4 GT (2026) bricht mit dem Image der sterilen Elektromobilität. Für einen Einstiegspreis von 54.900 Euro bringt die kompakte Elektrolimousine nicht nur satte 320 kW (435 PS) und einen 81,4-kWh-Akku auf den Asphalt, sondern auch ein vollständig in Software simuliertes 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe. Wir haben getestet, ob dieses Feature die mechanische Emotion echter Sportwagen zurückbringt – oder nur ein billiger Taschenspielertrick ist.

Ein futuristischer Kia GT auf dem Stadtplatz
Kia EV4 GT

Doch wie fühlt sich ein Elektromotor an, der künstlich in seiner Leistungsentfaltung beschnitten wird, um einen Verbrennungsmotor zu imitieren? Wir haben die sportliche Limousine, die sich die E-GMP-Basis (in der 400-Volt-Ausführung) mit dem kompakteren EV3 teilt, einem intensiven Praxistest unterzogen. Dabei klären wir nicht nur, ob das virtuelle Getriebe ein billiger Taschenspielertrick oder ein fahrdynamischer Geniestreich ist, sondern analysieren auch den realen Autobahnverbrauch, die Ladeleistung der NCM-Batterie und die Frage, ob der EV4 GT das Zeug zum legitimen Erben des legendären Kia Stinger hat.

1. Das virtuelle Getriebe (e-Shift): Genialer Trick oder Software-Spielerei?

Das Alleinstellungsmerkmal des Kia EV4 GT verbirgt sich hinter einem unscheinbaren Knopf am Lenkrad. Aktiviert man den GT-Modus und schaltet das sogenannte „e-Shift“-System scharf, verwandelt sich der leise Stromer in eine völlig andere Maschine. Die Software greift nun massiv in die Inverter-Steuerung der beiden Elektromotoren ein und simuliert die Charakteristik eines hochdrehenden Zweiliter-Turbomotors, gekoppelt an ein 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe.

In der Praxis funktioniert das verblüffend real. Wer das Fahrpedal voll durchdrückt, erlebt keinen nahtlosen, gummibandartigen Elektro-Schub mehr. Stattdessen steigt die virtuelle „Drehzahl“ im digitalen Instrumentendisplay rasant an, begleitet von einem synthetischen, aber bassigen Motorsound aus den Innenraumlautsprechern. Bei 7.000 simulierten Umdrehungen ist plötzlich Schluss. Wer jetzt nicht die rechte Schaltwippe am Lenkrad zieht, läuft hart in einen virtuellen Drehzahlbegrenzer. Das Fahrzeug kappt die Leistung, es ruckelt spürbar – exakt so, wie man es von einem Verbrenner im roten Bereich kennt.

Zieht man die Schaltwippe, simuliert die Software den Gangwechsel durch eine mikrosekundengenaue Drehmomentunterbrechung, gefolgt von einem leichten mechanischen Schlag in den Antriebsstrang. Beim Herunterschalten vor einer Kurve gibt das System virtuelles Zwischengas, die Bremswirkung der Elektromotoren (Rekuperation) wird exakt an die Motorbremse des simulierten Gangs angepasst. Auf einer kurvigen Landstraße im Schwarzwald sorgt das für ein massives Plus an Fahrspaß. Das Gehirn wird perfekt getäuscht, man nutzt die virtuellen Gänge intuitiv, um das Auto vor der Kurve zu positionieren und das Gewicht auf die Vorderachse zu verlagern. Was auf dem Papier wie ein infantiles Videospiel-Feature klingt, erweist sich nach wenigen Kilometern als hochgradig faszinierendes Werkzeug für dynamisches Fahren.

2. Antrieb und Fahrleistungen: 435 PS mit Allrad-Grip

Unter der sportlichen Karosserie des EV4 GT arbeitet ein Dual-Motor-Setup. Die vordere und hintere permanenterregte Synchronmaschine (PSM) generieren gemeinsam eine Systemleistung von 320 kW (435 PS) und ein kombiniertes Drehmoment von 600 Nm. Schaltet man die Getriebe-Simulation ab (was jederzeit möglich ist), beschleunigt der Wagen in linearen 4,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei abgeregelten 230 km/h.

Das Fahrwerk wurde von Kias High-Performance-Abteilung gezielt auf europäische Straßen abgestimmt. Elektronisch geregelte Dämpfer (ECS) passen sich in Millisekunden an die Fahrbahnbeschaffenheit an. Im Komfort-Modus federt der EV4 GT für ein Sportmodell erstaunlich kommod, schluckt Querfugen sauber weg und eignet sich problemlos für die Langstrecke. Im GT-Modus verhärtet die Dämpfung spürbar, die Lenkung baut deutlich mehr Rückstellmoment auf. Dank des tiefen Schwerpunkts – bedingt durch das 81,4 kWh schwere Batteriepaket im Unterboden – und eines elektronischen Sperrdifferenzials (e-LSD) an der Hinterachse krallt sich der EV4 förmlich in den Asphalt. Die Tendenz zum Untersteuern ist minimal, am Scheitelpunkt lässt sich das Heck durch einen gezielten Tritt aufs Fahrpedal leichtfüßig zum Eindrehen bewegen.

3. Verbrauch und Effizienz: Der Preis der Emotionen

Fahrspaß und Effizienz stehen oft in einem direkten Zielkonflikt, das gilt auch für Elektroautos. Kia gibt für den EV4 GT einen kombinierten WLTP-Verbrauch von 17,8 kWh/100 km an, was einer Normreichweite von rund 480 Kilometern entspricht. In unserem Praxistest zeigte sich ein zweigeteiltes Bild, das extrem vom gewählten Fahrmodus abhängt.

Bewegt man das Fahrzeug im Eco- oder Normal-Modus (ohne e-Shift) durch den städtischen Pendelverkehr und über Landstraßen, erweist sich der Antrieb als durchaus genügsam. Bei Außentemperaturen von 14 Grad Celsius notierten wir einen Durchschnittsverbrauch von 16,5 kWh/100 km. Die strömungsgünstige Limousinen-Form zahlt sich hier aus.

Auf der Autobahn bei konstant 130 km/h (GPS-gemessen) steigt der Wert auf 20,4 kWh/100 km. Damit lassen sich mit der netto 78,5 kWh fassenden NCM-Batterie reelle Autobahnetappen von knapp 350 Kilometern am Stück absolvieren, bevor ein Ladestopp zwingend wird. Im Vergleich zu einem Tesla Model 3 Long Range (ca. 17,5 kWh bei 130 km/h) fordert das sportliche Setup des Kia mit seinen breiten 20-Zoll-Hochleistungsreifen hier einen sichtbaren Aerodynamik- und Rollwiderstands-Tribut.

Interessant wird es, wenn man das e-Shift-System intensiv nutzt. Durch das künstliche Hochhalten der „Drehzahlen“ und die ständigen Drehmomentunterbrechungen beim Schalten arbeitet der Inverter bewusst nicht im effizientesten Fenster. Auf einer zügig gefahrenen Landstraßenetappe mit virtuellem Schaltgetriebe schoss unser Testverbrauch auf über 26 kWh/100 km. Das künstliche Drama kostet reale Energie – ein Kompromiss, den sportliche Fahrer für den Zugewinn an Emotionen jedoch meist gerne in Kauf nehmen.

4. Ladeleistung und Batterie: Vernunft statt 800-Volt-Rekorde

Während die großen Brüder EV6 und EV9 mit einer ultraschnellen 800-Volt-Architektur glänzen, basiert der kompaktere EV4 (ebenso wie der EV3) auf einer modifizierten, kostengünstigeren 400-Volt-Variante der E-GMP-Plattform. Dies hat direkte Auswirkungen auf das Ladeverhalten an der HPC-Säule.

Die maximale Gleichstrom-Ladeleistung (DC) wird werksseitig mit 135 kW beziffert. Im Test an einer 300-kW-Säule von EnBW startete der Ladevorgang bei 10 Prozent SoC (State of Charge) und vorkonditionierter Batterie mit exakt 137 kW. Positiv fällt auf, dass das Batteriemanagementsystem diese Leistung extrem lange hält. Erst bei über 60 Prozent Ladestand sinkt die Kurve langsam unter die 100-kW-Marke ab. Der Standard-Ladehub von 10 auf 80 Prozent nimmt exakt 29 Minuten in Anspruch. Das ist kein Rekordwert, reicht für die gängige Reisepraxis mit Kaffeepausen aber völlig aus. Im Winter sorgt eine serienmäßige Wärmepumpe inklusive aktiver Batterie-Vorkonditionierung (automatisch bei aktiver Navigation zur Ladesäule oder manuell per Knopfdruck) dafür, dass diese Zeiten auch bei Minusgraden verlässlich reproduzierbar bleiben. An der heimischen AC-Wallbox lädt der EV4 GT dreiphasig mit 11 kW, optional ist ein 22-kW-Bordlader bestellbar.

5. Innenraum, Platzangebot und Software

Das Interieur des EV4 GT führt Kias aktuelle Designsprache konsequent fort, fügt aber spezifische GT-Elemente hinzu. Neongrüne Ziernähte, stark konturierte Schalensitze mit Alcantara-Bezügen (die exzellenten Seitenhalt bieten, für sehr breite Personen auf langen Strecken aber eng wirken könnten) und ein sportliches Dreispeichen-Lenkrad dominieren das Bild. Die Materialqualität ist hoch, aufgeschäumte Kunststoffe und textile Oberflächen aus recycelten PET-Flaschen sorgen für eine wohnliche Atmosphäre.

Als Informationszentrale dient das neue „Connected Car Navigation Cockpit“ (ccNC). Es besteht aus zwei 12,3-Zoll-Displays, die nahtlos hinter einer gebogenen Glasscheibe sitzen. Die Menüstruktur ist logisch aufgebaut, der Prozessor reagiert schnell auf Eingaben. Besonders erfreulich: Kia verzichtet nicht vollständig auf physische Tasten. Eine schmale Leiste mit haptischen Schaltern für die Direktwahl der Klimatisierung und der Mediensteuerung bleibt erhalten, was die Bedienung während der Fahrt erheblich sicherer macht als reine Touch-Lösungen.

Das Platzangebot in der ersten Reihe ist großzügig, die tiefe Sitzposition unterstreicht den sportlichen Limousinen-Charakter. Im Fond geht es klassengemäß etwas enger zu. Personen über 1,85 Meter spüren die abfallende Dachlinie, die Kopffreiheit ist limitiert. Die Beinfreiheit profitiert hingegen vom langen Radstand (2,77 Meter). Der Kofferraum schluckt alltagstaugliche 410 Liter, ein kleiner Frunk unter der vorderen Haube (25 Liter) reicht exakt für das Ladekabel.

6. Technische Spezifikationen im Überblick

Kriterium
Kia EV4 GT (2026)
Grundpreis in Deutschland
ca. 54.900 €
Systemleistung / Antrieb
320 kW (435 PS) / Dual-Motor AWD
Batteriekapazität (netto)
78,5 kWh (NCM, 400 Volt)
WLTP-Reichweite
ca. 480 km
Testverbrauch (Autobahn 130 km/h)
20,4 kWh/100 km
Maximale Ladeleistung (DC / AC)
135 kW / 11 kW (opt. 22 kW)
Ladezeit 10-80 % SoC
29 Minuten
Beschleunigung 0-100 km/h
4,3 Sekunden
Kofferraumvolumen
410 Liter (hinten) + 25 Liter (Frunk)

7. Fazit und Kaufurteil von Jurij Senkewitsch

Der Kia EV4 GT ist ein faszinierender Exot in einem zunehmend uniformen Markt. Die Ingenieure haben erkannt, dass Perfektion auf Dauer langweilig werden kann. Das simulierte e-Shift-Getriebe ist weit mehr als ein billiger Marketing-Gag. Es bringt eine fast vergessene Ebene der Fahrer-Fahrzeug-Interaktion zurück in die Elektromobilität und macht auf kurvigen Landstraßen schlichtweg extrem viel Spaß. Das straffe, aber verzeihende Fahrwerk und die enormen Kraftreserven runden das Paket ab.

Für wen eignet sich das Fahrzeug? Für Autoenthusiasten, die den akustischen und mechanischen Charakter eines hochgezüchteten Verbrenners vermissen, aber dennoch nicht auf die Vorteile der Elektromobilität verzichten wollen. Es ist das perfekte Auto für Fahrer, die eine emotionale Bindung zu ihrer Maschine suchen.

Wem ist abzuraten? Reine Pragmatiker und Effizienz-Fetischisten sind hier falsch. Wer auf der Autobahn mit maximaler Reichweite und extrem kurzen Ladestopps operieren will, findet im eigenen Konzern mit dem aerodynamischeren Hyundai Ioniq 6 oder dem 800-Volt-System des größeren Kia EV6 die besseren Werkzeuge. Der EV4 GT erkauft sich seine Emotionen mit einem höheren Stromverbrauch – ein Preis, den wahre Petrolheads im Elektro-Zeitalter jedoch lachend zahlen werden.

Jurij Senkewitsch

Fachautor für Elektromobilität bei EvAutos25. Er spezialisiert sich auf Elektroautos, Batterietechnologien und Ladeinfrastruktur sowie auf die Analyse des deutschen und europäischen E-Auto-Marktes.

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