Chery DELIVAN: Elektro-Transporter mit bis zu 426 km WLTP und 22 Minuten Ladezeit

Der chinesische Automobilkonzern Chery drängt mit seiner neu formierten Nutzfahrzeugmarke DELIVAN auf den europäischen Markt für leichte Nutzfahrzeuge (LCV). Auf der IAA Transportation in Hannover präsentierte der Hersteller zwei serienreife Elektro-Transporter der 3,5-Tonnen-Klasse: den kompakten Stadtlieferwagen L1H1 sowie den Hochdach-Transporter L2H3. Im Gegensatz zu vielen früheren Importmodellen basiert die Baureihe auf einer eigenständigen, rein elektrischen Plattform mit Batteriekapazitäten von 50,4 kWh bis 97,4 kWh.

Das offizielle Datenblatt beziffert für die größte Batterievariante im L2H3 eine Reichweite von bis zu 426 Kilometern nach WLTP-Norm, gekoppelt an eine werksseitige Abregelung der Höchstgeschwindigkeit auf 100 km/h. Der kompakte L1H1 erzielt mit dem kleinsten 50,4-kWh-Akkupaket eine beachtliche Nutzlast von bis zu 1.400 Kilogramm bei 3.500 Kilogramm zulässigem Gesamtgewicht. An DC-Schnellladestationen soll der Ladevorgang von 15 auf 80 Prozent State of Charge (SoC) in rund 22 Minuten abgeschlossen sein.

Die europäische Markteinführung von DELIVAN ist für 2027 angekündigt, wobei der Vertrieb nach dem Start in Großbritannien auch auf Frankreich und Deutschland ausgeweitet wird. Verbindliche Preise für den deutschen Markt nennt Chery derzeit noch nicht. Als Fachjournalist analysiere ich die technischen Daten, den Zielkonflikt zwischen Nutzlast und Batteriegröße sowie die realen Einsatzchancen im harten Wettbewerb mit etablierten europäischen Flottenfahrzeugen.
Chery bringt DELIVAN nach Europa: Was auf der IAA vorgestellt wurde
DELIVAN ist keine einzelne Modellbezeichnung, sondern eine eigenständige globale Marke der Chery Commercial Vehicle Sparte. Die konzeptionelle Ankündigung erfolgte bereits im Frühjahr 2026 in Birmingham, doch die seriennahe Präsentation der europäischen Modellpalette fand am 15. September auf der IAA Transportation in Hannover statt. Es handelt sich somit nicht um eine Pariser Messeneuheit, sondern um das Ergebnis einer gezielten Nutzfahrzeug-Offensive.
Für die europäische Expansion richtete Chery eine Zentrale in Liverpool ein, während parallel der Aufbau der deutschen Landesgesellschaft voranschreitet. Die Modelle wurden laut Hersteller unter Berücksichtigung von Flottenanforderungen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Spanien entwickelt. Neben den Serienkastenwagen L1H1 und L2H3 zeigte DELIVAN vier Spezialaufbauten sowie ein separates Fahrgestell mit Fahrerhaus (L3CC), das auf eine Nutzlast von bis zu 2.120 Kilogramm ausgelegt ist.
Konstruktiv setzt DELIVAN auf eine dedizierte Elektro-Architektur statt auf umgerüstete Diesel-Chassis. Die Batteriepacks sind crashsicher im Leiterrahmen zwischen den Achsen integriert. Das senkt den Fahrzeugschwerpunkt, schützt die Energiespeicher und garantiert einen durchgehend ebenen Ladeboden ohne Raumverlust im Frachtabteil.
DELIVAN L1H1: Kompakter Elektro-Transporter mit 1.400 kg Nutzlast
Der DELIVAN L1H1 zielt auf das Segment kompakter Transporter und misst 4.995 Millimeter in der Länge, 1.999 Millimeter in der Breite sowie 1.995 Millimeter in der Höhe. Durch die Bauhöhe unter zwei Metern bleibt das Fahrzeug uneingeschränkt parkhaustauglich. Bei einem Radstand von 3.050 Millimetern fasst der Frachtraum 6,9 Kubikmeter, was exakt der Stellfläche von drei Standard-Europaletten entspricht.
Chery stellt für den L1H1 zwei Batteriegrößen zur Wahl:
- 50,4 kWh Batterie: 256 km WLTP-Reichweite, bis zu 1.400 kg Nutzlast
- 68,7 kWh Batterie: 343 km WLTP-Reichweite, bis zu 1.320 kg Nutzlast
Der Spitzenwert von 1.400 Kilogramm Zuladung wird mit dem kleineren, leichteren 50,4-kWh-Akku erreicht. Das Leergewicht des Basisfahrzeugs liegt bei 2.100 Kilogramm inklusive Fahrer. Bei Wahl der 68,7-kWh-Batterie sinkt die erlaubte Zuladung auf 1.320 Kilogramm. Für urbane Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) mit planbaren Tagestouren von 100 bis 140 Kilometern stellt die 50,4-kWh-Version die wirtschaftlichste Konfiguration dar.
DELIVAN L2H3: 11,6 m³ Laderaum und 426 km Reichweite
Für voluminöse Transportaufgaben steht der L2H3 bereit. Mit 5.495 Millimetern Außenlänge, 2.600 Millimetern Gesamthöhe und einem Radstand von 3.550 Millimetern vergrößert sich das Frachtvolumen auf 11,6 Kubikmeter. Die Innenstehhöhe erlaubt aufrechtes Arbeiten beim Be- und Entladen.
Die Antriebs- und Batterieliste des L2H3 umfasst drei Abstufungen:
- 50,4 kWh Batterie: 216 km WLTP-Reichweite, 1.300 kg maximale Nutzlast
- 68,7 kWh Batterie: 285 km WLTP-Reichweite, 1.220 kg maximale Nutzlast
- 97,4 kWh Batterie: 426 km WLTP-Reichweite (bei 100 km/h Begrenzung), 1.000 kg maximale Nutzlast
Die Spitzenreichweite von 426 Kilometern ist an eine werksseitige Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h gebunden. Bei Richtgeschwindigkeit 130 km/h auf deutschen Autobahnen würde die 2,60 Meter hohe Stirnwand den Stromverbrauch unverhältnismäßig steigern. Die Begrenzung auf 100 km/h sichert verlässliche Distanzen im Überland- und Regionalverteilerverkehr.
Mehr Akku oder mehr Nutzlast: Der Zielkonflikt bei 3,5 Tonnen zGG
Am L2H3 zeigt sich das physikalische Grundproblem gewerblicher Elektrofahrzeuge unter dem Führerscheinlimit von 3.500 Kilogramm Gesamtgewicht: Jedes Kilowattstunde zusätzliche Speicherkapazität erhöht das Batteriegewicht und verringert die legale Nutzlast.
Zwischen dem kleinsten (50,4 kWh) und dem größten Akku (97,4 kWh) büßt der Betreiber exakt 300 Kilogramm Nutzlast ein (1.300 kg gegenüber 1.000 kg). Im Gegenzug verdoppelt sich der rechnerische Aktionsradius von 216 auf 426 Kilometer. Das verlangt eine klare Fuhrpark-Strategie:
- Volumentransporteure (Wäschereien, Möbelkuriere, Isoliertechnik) transportieren raumgreifende, leichte Güter. Für sie reichen 1.000 Kilogramm Nutzlast völlig aus, während der große Akku entspannte Tagesradien ohne Zwischenstopps sichert.
- Gewichtstransporteure (Bauhandwerk, Sanitär- und Elektroinstallation) stoßen rasch an Massengrenzen. Hier wiegt jeder Materialverlust schwer, weshalb die 50,4-kWh- oder 68,7-kWh-Batterie mit 1.220 bis 1.300 Kilogramm Nutzlast die sinnvollere Option bleibt.
Zwar gestattet der deutsche Gesetzgeber unter bestimmten Auflagen das Führen alternativ angetriebener Nutzfahrzeuge bis 4.250 Kilogramm mit Führerscheinklasse B, doch Flottenmanager meiden oft diesen Schritt wegen Mautfragen und grenzüberschreitenden Regelungen.
22 Minuten Ladezeit: Wie schnell lädt der Chery-Transporter?
Für beide Grundmodelle beziffert DELIVAN die Ladezeit am DC-Schnelllader auf rund 22 Minuten für das typische Zeitfenster von 15 auf 80 Prozent SoC. Voraussetzung hierfür sind eine vorkonditionierte Batterie und entsprechende Ladeleistungen an HPC-Ladestationen.
Technisch differenziert Chery bei der Systemspannung: Während die Akkus mit 50,4 und 68,7 kWh mit klassischer 400-Volt-Technik arbeiten, nutzt die 97,4-kWh-Spitzenversion eine 600-Volt-Architektur. Das höhere Spannungsniveau erlaubt höhere Ladeleistungen bei moderaten Stromstärken, was Leitungsverluste verringert und die thermische Belastung der Zellen senkt.
Ein aktives Thermomanagement mit Flüssigkeitskühlung bringt die Zellen rechtzeitig vor dem Ladehalt auf Betriebstemperatur. Am Wechselstromnetz lädt DELIVAN über einen dreiphasigen 11-kW-Onboard-Lader. Eine vollständige Aufladung über Nacht am Betriebshof dauert beim 50,4-kWh-Akku rund fünf Stunden, während das 97,4-kWh-Paket knapp unter zehn Stunden benötigt.
175 kW und Frontantrieb: Die Antriebstechnik der Elektro-Vans
L1H1 und L2H3 nutzen eine permanentmagneterregte Synchronmaschine an der Vorderachse. Der Elektromotor mobilisiert eine Spitzenleistung von 175 kW (238 PS) sowie ein Drehmoment von 325 Newtonmetern. Im innerstädtischen Lieferverkehr ermöglicht der Elektroantrieb verzögerungsfreien Antritt ohne Schaltunterbrechungen.
Der Frontantrieb sorgt bei unbeladenem oder teilbeladenem Fahrzeug für stabile Fahreigenschaften und erlaubt eine niedrige Ladekante. Bei voller Beladung von bis zu 1.400 Kilogramm kann die Traktion an steilen nassen Steigungen an Haftungsgrenzen stoßen. Heck- oder Allradversionen sind für Europa vorerst nicht angekündigt.
Während der L1H1 bis zu 140 km/h schnell fahren darf, riegelt der L2H3 mit großem Akku bei 100 km/h ab. Eine mehrstufig einstellbare Rekuperation fängt Bremsenergie im Stadtverkehr effektiv auf und schont die mechanische Bremsanlage im Stop-and-Go-Betrieb.
Bis zu 2.500 kg Anhängelast: Reale Praxis und Zuggesamtgewicht
Mit einer maximalen gebremsten Anhängelast von bis zu 2.500 Kilogramm setzt DELIVAN ein Ausrufezeichen im Segment der 3,5-Tonnen-Transporter, in dem viele Mitbewerber auf 1.000 bis 1.500 Kilogramm beschränkt sind.
In der betrieblichen Praxis müssen Betreiber jedoch rechtliche und energetische Aspekte bedenken. Bei vollem Gesamtzuggewicht von 6.000 Kilogramm (3.500 kg Zugfahrzeug plus 2.500 kg Anhänger) ist zwingend die Führerscheinklasse BE erforderlich; die Klasse B oder B96 reicht hierfür nicht mehr aus.
Zudem steigert ein voluminöser Anhänger den Luft- und Rollwiderstand erheblich. Auf Landstraßen und Autobahnen steigt der Verbrauch um 35 bis 50 Prozent, wodurch sich der nutzbare Aktionsradius nahezu halbiert. Die 2,5-Tonnen-Anhängelast eignet sich hervorragend für regionale Maschinentransporte im Bauhandwerk, erfordert auf längeren Strecken jedoch strikt geplante Ladestopps.
V2L und Wärmepumpe: Ausstattung für den gewerblichen Arbeitsalltag
Für den Baustellen- und Handwerkereinsatz spendiert Chery praxisgerechte Serienfeatures. Hervorzuheben ist die Vehicle-to-Load-Funktion (V2L): Über den frontseitigen Ladeanschluss können mittels Adapter bis zu 3,5 kW Leistung bei 230 Volt Wechselstrom entnommen werden. Ergänzend befinden sich 230-Volt-Steckdosen direkt im Laderaum.
Elektrowerkzeuge, Akkupacks, Vermessungsgeräte oder Beleuchtungssysteme lassen sich so autark auf der Baustelle betreiben, ohne laute Benzingeneratoren mitzuführen. Bei einem Akkupaket ab 50,4 kWh beansprucht der mehrstündige Werkzeugeinsatz nur geringe Energieanteile.
Zur Serienausstattung zählt eine energiesparende Wärmepumpe für das Fahrerhaus. Im deutschen Winterbetrieb schützt sie vor drastischen Reichweiteneinbrüchen, die durch rein elektrische Widerstandsheizer entstehen. Eine Frontscheibenheizung und beheizbare Sitze ergänzen das Paket.
Kühlwagen, Kipper und Werkstatt: Die Spezialversionen und Partner
Um Handwerksbetriebe und Kommunen direkt anzusprechen, präsentierte DELIVAN auf der IAA vier zertifizierte Branchenlösungen:
- Crew Van: Doppelkabine für bis zu sechs Personen plus Werkzeugabteil
- Fridge Box: Integrierter Kühlkoffer für Pharma- und Frischelogistik, entwickelt mit GRUAU
- 3-Way Tipper: Dreiseitenkipper für GaLaBau und Bauwirtschaft mit JUNGE Fahrzeugbau
- Tool Storage: Vollausgestattete mobile Werkstatt mit Regalsystemen von SORTIMO und BOTT
Die enge Kooperation mit etablierten europäischen Karosseriebauern wie GRUAU, SORTIMO, JUNGE und BOTT belegt Cherys Verständnis des europäischen Marktes. Gewerbekunden verlangen einsatzbereite Komplettlösungen mit Herstellergarantie und zertifizierter Einbausicherheit.
DELIVAN gegen Ford E-Transit Custom und VW e-Transporter
Der DELIVAN L1H1 tritt in direkte Konkurrenz zum Ford E-Transit Custom und dem neuen Volkswagen e-Transporter. Beide europäischen Wettbewerber verfügen über jahrzehntelange Kundenbindung und dichte Servicenetze.
Im Datenblatt behauptet sich der L1H1 mit seiner Spitzen-Nutzlast von 1.400 Kilogramm gegenüber den rund 1.000 bis 1.100 Kilogramm des Ford E-Transit Custom. Zudem lädt DELIVAN mit 22 Minuten von 15 auf 80 Prozent spürbar schneller als der Ford (ca. 39 Minuten von 10 auf 80 Prozent).
Der L2H3 misst sich mit dem Renault Master E-Tech (87 kWh, bis 460 km WLTP) und dem Mercedes-Benz eSprinter. Während der Renault Master auch ohne striktes 100-km/h-Limit hohe Distanzen meistert, bietet DELIVAN mit bis zu 11,6 Kubikmetern Ladevolumen und der 600-Volt-Schnellladung im Topmodell eine wettbewerbsfähige Alternative. Die Kaufentscheidung gewerblicher Kunden wird letztlich über den Anschaffungspreis und die Gesamtwirtschaftlichkeit (TCO) fallen.
Chery DELIVAN in Deutschland: Marktstart, Vertrieb und Service
Der offizielle Verkaufsstart der DELIVAN-Flotte in Europa ist für 2027 avisiert. Nach dem Start in Großbritannien werden die Fahrzeuge auch in Deutschland und Frankreich eingeführt. Derzeit sind die Transporter hierzulande weder bestellbar noch homologiert bepreist; verbindliche Tarife folgen im Vorfeld des Marktstarts.
Für den Markterfolg in Deutschland ist der zügige Aufbau eines verlässlichen Werkstattnetzes unabdingbar. Gewerbliche Fuhrparkleiter verlangen lückenlose Serviceverfügbarkeit und garantierte Teilelieferungen innerhalb von 24 Stunden. Chery verhandelt derzeit über Partnerschaften mit freien Werkstattnetzwerken und Nutzfahrzeughändlern, um Wartung, Pannenhilfe und digitale Flottentelematik sicherzustellen.
Fazit: Chery greift den europäischen Transportermarkt an
Mit der Marke DELIVAN präsentiert Chery Commercial Vehicle ein technisch durchdachtes Konzept für das europäische Nutzfahrzeugsegment. Eine eigenständige Elektroplattform, Batteriegrößen bis 97,4 kWh, bis zu 1.400 Kilogramm Nutzlast und Ladezeiten von 22 Minuten treffen exakt die Anforderungen moderner Flotten. Mit 2.500 Kilogramm Anhängelast und Kooperationen mit GRUAU, SORTIMO, JUNGE und BOTT beweist der Konzern Praxisnähe.
Ob DELIVAN gegen die Marktführer Ford, Volkswagen und Renault bestehen kann, entscheiden die endgültigen Preise und die Servicequalität. Die technischen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg im Jahr 2027 sind geschaffen.




Hinterlassen Sie Feedback dazu