Radnabenmotoren 2026: Technik-Mythos oder ungelöstes Gewichtsproblem?

Der Traum vom Motor direkt im Rad ist älter als die Massenmotorisierung selbst. Bereits im Jahr 1900 präsentierte Ferdinand Porsche den Lohner-Porsche mit elektrischen Radnabenmotoren. Heute, im Zeitalter der dedizierten Elektro-Plattformen, erlebt dieses Konzept ein massives mediales Revival. Start-ups und Zulieferer wie Elaphe, Protean Electric oder Nidec versprechen für das Jahr 2026 den ultimativen Durchbruch: Sogenannte „In-Wheel-Motoren“, die Antriebswellen, Differenziale und zentrale Getriebe überflüssig machen. Das Versprechen lautet: Totale Designfreiheit für die Karosserie, gigantische Kofferräume und ein Torque Vectoring, das jedes Rad auf die Millisekunde genau steuert.
Doch blickt man in die Entwicklungszentren von Porsche, BMW, Tesla oder Hyundai, herrscht bei diesem Thema absolute Funkstille. Die großen Hersteller verbauen auch 2026 weiterhin zentrale E-Achsen tief im Fahrzeugboden. Der Grund für diese Zurückhaltung liegt nicht in mangelnder Innovationskraft, sondern in den unerbittlichen Gesetzen der Fahrwerksphysik. Wer einen 35 Kilogramm schweren Elektromotor direkt in eine 20-Zoll-Felge schraubt, erschafft einen fahrdynamischen Albtraum. Dieser Technik-Check seziert das ungelöste Problem der „ungefederten Masse“ und erklärt, warum Radnabenmotoren auf schlechtem Asphalt kapitulieren.
Die Theorie der absoluten Freiheit: Packaging und Torque Vectoring
Auf dem digitalen Zeichenbrett der Ingenieure ist der Radnabenmotor das perfekte Antriebskonzept. Bei einem klassischen Elektroauto (mit zentraler E-Achse) sitzt der Motor zwischen den Rädern. Von dort aus übertragen Antriebswellen die Kraft an die Radnaben. Ein Differenzial muss Drehzahlunterschiede in Kurven ausgleichen. All diese mechanischen Komponenten wiegen viel, benötigen massiv Platz und fressen Effizienz durch mechanische Reibung.
Der In-Wheel-Motor streicht all das ersatzlos. Der Stator wird starr an den Radträger geschraubt, der Rotor dreht sich als Teil der Felge. Da zwischen Motor und Straße keine Getriebezahnräder mehr liegen, ist die Reaktionszeit der Traktionskontrolle praktisch null. Jedes Rad kann unabhängig voneinander beschleunigen oder bremsen (Torque Vectoring). Fahrzeuge können auf der Stelle rotieren (Tank Turn) oder seitwärts einparken (Crab Walk). Zudem wird der gesamte Raum zwischen den Rädern frei – Platz, den Hersteller für weitere ultraflache Batteriepakete oder gigantische Frunks (vordere Kofferräume) nutzen könnten.
Die Physik schlägt zurück: Das Desaster der ungefederten Masse
Warum also fährt nicht längst jedes Elektroauto mit vier In-Wheel-Motoren? Die Antwort liegt in der Fahrwerksdynamik, genauer gesagt im Verhältnis von „gefederter Masse“ zu „ungefederter Masse“.
Zur gefederten Masse gehört alles, was auf den Federn des Autos ruht (Karosserie, Batterie, Passagiere). Zur ungefederten Masse gehört alles, was direkten Kontakt zur Straße hat und den Unebenheiten unmittelbar folgt: Reifen, Felge, Bremsscheibe, Bremssattel und Teile der Querlenker. Bei einem konventionellen Elektroauto der Mittelklasse wiegt diese ungefederte Masse pro Rad etwa 40 bis 45 Kilogramm.
Ein moderner Radnabenmotor (wie beispielsweise der L1500 von Elaphe) liefert zwar gewaltige 1.500 Nm Drehmoment, wiegt aber selbst rund 32 Kilogramm. Addiert man diesen Motor zur Felge und zur Bremse, schnellt die ungefederte Masse pro Rad plötzlich auf 75 bis 80 Kilogramm hoch! Dieses Gewicht verdoppelt die kinetische Energie, die bei Fahrbahnunebenheiten freigesetzt wird.
Das Kopfsteinpflaster-Szenario:
Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit 80 km/h über eine schlecht geflickte deutsche Landstraße oder massives Kopfsteinpflaster. Das 80 Kilogramm schwere Rad trifft auf eine Bodenwelle und wird brutal nach oben beschleunigt. Die Fahrwerksfeder nimmt diesen Schlag auf. Doch nun muss der Stoßdämpfer diese gewaltige, 80 Kilo schwere Masse sofort wieder nach unten drücken, um den Kontakt zur Straße wiederherzustellen. Der Dämpfer ist mit dieser enormen Trägheit völlig überfordert. Das Rad fängt an zu „stempeln“ oder springt über den Asphalt. Der Reifen verliert für Sekundenbruchteile den Kontakt zur Straße. Die Folge: Akuter Traktionsverlust in Kurven, ein massiv verlängerter Bremsweg bei ABS-Eingriffen und ein Fahrkomfort, der an einen unbeladenen Lkw erinnert.
Die thermische Hölle im Radhaus
Neben dem Gewichtsproblem kämpfen Radnabenmotoren mit dem denkbar schlechtesten Arbeitsumfeld, das ein Auto zu bieten hat: dem Radhaus. Ein zentraler Elektromotor im Fahrzeugboden ist perfekt vor Wasser, Steinschlag und Schmutz geschützt. Ein In-Wheel-Motor rotiert im Epizentrum der Zerstörung.
Die größte Herausforderung ist die Hitze. Da Radnabenmotoren kein Untersetzungsgetriebe besitzen (Direct Drive), müssen sie ihr gesamtes Drehmoment aus der reinen elektromagnetischen Kraft bei extrem niedrigen Drehzahlen (meist 0 bis 1.500 U/min) generieren. Solche großen Außenläufer-Motoren produzieren unter Volllast gewaltige Abwärme. Erschwerend kommt hinzu, dass direkt neben dem Motor die Bremsscheibe sitzt, die bei einer Passabfahrt gut und gerne 500 bis 600 Grad Celsius abstrahlt. Den Motor vor dieser thermischen Belastung zu schützen, erfordert eine hochkomplexe Flüssigkeitskühlung. Die dicken Kühlwasserschläuche müssen jedoch durch die beweglichen Fahrwerkslenker direkt ans Rad geführt werden – eine absolute Schwachstelle für Undichtigkeiten und Verschleiß nach einigen Wintern voller Streusalz und Eis.
Datenvergleich: Zentralmotor vs. Radnabenmotor
Die Gegenüberstellung der Spezifikationen zeigt, warum zentrale E-Achsen bei Pkw auch weiterhin das Mittel der Wahl bleiben.
Kriterium |
Zentralmotor (E-Achse) |
Radnabenmotor (In-Wheel) |
|---|---|---|
Drehzahlbereich |
Hoch (bis über 20.000 U/min) |
Niedrig (Rad-Drehzahl, max. 2.000 U/min) |
Ungefederte Masse pro Rad |
ca. 40 – 45 kg |
ca. 75 – 85 kg (katastrophal für Komfort) |
Getriebe |
1-Gang oder 2-Gang Untersetzung (meist 10:1) |
Kein Getriebe (Direct Drive) |
Platzbedarf im Innenraum |
Blockiert Platz zwischen den Rädern |
100% Freiheit im Fahrzeugboden |
Exposition gegenüber Elementen |
Geschützt im Unterboden |
Ungeschützt (Wasser, Bremsstaub, Salz) |
Ein Zentralmotor nutzt ein Reduktionsgetriebe (meist im Verhältnis 10:1), um das Drehmoment eines kleinen, extrem schnell drehenden Elektromotors an die Räder zu übersetzen. Ein Radnabenmotor muss riesig und schwer gebaut werden, um dieselbe Kraft ohne Getriebe bei einer Raddrehung zu erzeugen.
Stärken und Schwächen im Schnellcheck
Vorteile von Radnabenmotoren:
- ✅ Maximale Freiheit für Karosserie- und Batterie-Packaging.
- ✅ Echtes, latenzfreies Torque Vectoring an jedem einzelnen Rad.
- ✅ Mechanische Verluste durch Antriebswellen und Differenziale entfallen komplett.
- ✅ Ermöglicht extreme Radeinschläge (bis zu 90 Grad) für seitliches Einparken.
Die vernichtenden Schwächen:
- ❌ Die ungefederte Masse ruiniert den Fahrkomfort und die Traktion auf schlechten Straßen.
- ❌ Hohe Defektanfälligkeit durch Vibrationen, Streusalz und thermische Last der Bremsen.
- ❌ Kühlmittelversorgung muss durch bewegliche Fahrwerksteile verlegt werden.
- ❌ Hohe Produktionskosten für vier komplett eigenständige Motor-Inverter-Einheiten.
Fazit von Jurij Senkewitsch
Wird der Radnabenmotor das Elektroauto der Zukunft antreiben? Für den klassischen Pkw lautet die klare physikalische Antwort: Nein. Die Nachteile der extremen ungefederten Masse lassen sich auf schnell gefahrenen Landstraßen oder schlechten Autobahnabschnitten durch keine noch so kluge Luftfederung der Welt komplett wegfiltern. Wer ein sportliches oder komfortables Auto bauen will, muss das Gewicht des Motors zwingend in die gefederte Masse des Karosseriebodens verlagern.
Das Konzept ist dennoch keine komplette Sackgasse, es sucht sich nur eine andere Nische. Für städtische Elektrobusse ist die Technik bereits heute ein Segen, da sie extrem niedrige, durchgehende Einstiegsböden ohne Stufen ermöglicht – bei Tempo 50 auf Asphalt spielt die Fahrwerksdynamik ohnehin keine Rolle. Auch bei langsamen, extremen Offroad-Fahrzeugen oder autonomen Lieferkapseln (People Movern) wird sich der In-Wheel-Motor durchsetzen. Doch solange Sie auf der linken Spur einer Autobahn souverän abfedern möchten, wird der Motor auch im Jahr 2026 fest im Zentrum der Achse verschraubt bleiben.




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