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Haval H10 im Technik-Check: 42,8-kWh-Akku und 232 km elektrisch

Goldener Haval H10 bei Sonnenuntergang
Haval H10

Mit dem Haval H10 bringt Great Wall Motor ein 5,14 Meter langes Flaggschiff-SUV mit Hi4-Allradantrieb, 440 kW (598 PS) Systemleistung und 722 Nm Drehmoment auf den Markt. Herzstück der Guiyuan-Plattform ist ein 42,8-kWh-Akku, der bis zu 232 Kilometer rein elektrische Reichweite nach CLTC und 1.404 Kilometer Gesamtreichweite ermöglicht. Mit serienmäßigem LiDAR, 15-Minuten-Schnellladung und einem Einstiegspreis von umgerechnet rund 27.500 Euro verzeichnete der Hersteller innerhalb von 24 Stunden 31.826 Festbestellungen. Unser Technik-Check seziert die Architektur.

Ein bronzefarbener Haval H10 im Sonnenuntergang
Haval H10

Während europäische Hersteller bei Plug-in-Hybriden weiterhin Batterien im Bereich von 19 bis 25 Kilowattstunden verbauen, verschiebt die chinesische Automobilindustrie die Parameter für elektrifizierte Antriebe in eine völlig neue Dimension. Der Haval H10 (in China auch als neues Topmodell der Haval-Modellpalette vermarktet) demonstriert diesen Paradigmenwechsel eindrucksvoll. Er versteht sich nicht als Verbrenner mit kleinem Hilfsmotor für steuerliche Begünstigungen, sondern als vollwertiges Langstrecken-Elektroauto, das für unbegrenzte Reisedistanzen einen hocheffizienten Verbrennungsmotor als Kraftwerk mitführt.

Luxuriöser Haval-Innenraum vor der Kulisse eines Sonnenuntergangs in den Bergen.
Haval H10

Die Resonanz auf dem Heimatmarkt spricht Bände: Exakt 31.826 verbindliche Kaufverträge registrierten die Server von Great Wall Motor in den ersten 24 Stunden nach der offiziellen Markteinführung. Zu einem Einstiegspreis von 214.800 Yuan (rund 29.880 US-Dollar bzw. 27.500 Euro) zielt der Koloss frontal auf etablierte Premium-Geländewagen. Doch wie schlägt sich die Technik abseits von Marketingversprechen? Wir haben die Konstruktion, das Thermomanagement, die Allrad-Architektur und die Alltagstauglichkeit detailliert analysiert.


Guiyuan-Plattform: Dimensionen und Karosseriestruktur

Der Haval H10 basiert auf der neu entwickelten Guiyuan-Architektur (international als GWM Global One bezeichnet). Diese Plattform wurde von Grund auf für großformatige New Energy Vehicles (NEV) konzipiert und bricht mit den konstruktiven Einschränkungen früherer Haval-Generationen, die noch stark auf Verbrenner-Layouts fußten.

Mit einer Außenlänge von 5.138 Millimetern (in der Version mit externem Heck-Reserverad sogar 5.299 Millimeter), einer stattlichen Breite von 2.050 Millimetern und einer Höhe von 1.970 Millimetern überragt der H10 die meisten europäischen SUVs deutlich. Der Radstand von glatten 3.000 Millimetern ermöglicht ein großzügiges Raumkonzept, das Great Wall wahlweise als klassischen Fünfsitzer mit gigantischem Ladeabteil oder als luxuriösen Sechssitzer mit Einzelsitzen in der zweiten Reihe („Captain Chairs“) anbietet.

Trotz der gewaltigen Ausmaße stand das Gewichtsmanagement im Lastenheft der Ingenieure. Durch den massiven Einsatz von warmumgeformten Stählen im Sicherheitskäfig (Zugfestigkeiten bis zu 2.000 Megapascal an den A- und B-Säulen) und Leichtbau-Aluminiumlegierungen an den Federbeinaufnahmen erreicht das Chassis eine statische Torsionssteifigkeit von über 38.000 Newtonmetern pro Grad. Dennoch bringt der H10 fahrfertig rund 2.750 Kilogramm auf die Waage. Um diese träge Masse auf kurvigen Straßen zu kontrollieren, verfügt das Fahrwerk an der Vorderachse über eine Doppelquerlenker-Aufhängung und an der Hinterachse über eine aufwendige Fünflenker-Konstruktion, kombiniert mit elektronisch geregelten CDC-Dämpfern (Continuous Damping Control).


Das Hi4-Allradsystem im Detail: Drei Kraftquellen, zwei Gänge

Das Herzstück des Haval H10 ist die neueste Ausbaustufe des Hi4-Antriebsstrangs (Hybrid Intelligent 4WD). Im Gegensatz zu traditionellen Allrad-Hybriden verzichtet Great Wall Motor vollständig auf eine starre mechanische Kardanwelle zwischen den Achsen. Stattdessen setzt das System auf eine dezentrale, elektrische Drehmomentverteilung mit drei Motoren:

  • Verbrennungsmotor: Ein 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner (1.5T) mit Direkteinspritzung und Miller-Brennverfahren. Das Aggregat leistet 123 kW (167 PS) und erzielt dank variabler Turbinengeometrie (VTG) sowie einem Verdichtungsverhältnis von 11,5:1 einen thermischen Wirkungsgrad von über 41,5 Prozent.
  • Front-Elektromotor / Generator: Eine permanenterregte Synchronmaschine an der Vorderachse, die primär als Generator fungiert, bei hohem Leistungsbedarf aber auch mechanisch zugeschaltet werden kann.
  • Heck-Elektromotor: Eine eigenständige elektrische Antriebseinheit an der Hinterachse mit integriertem Inverter und zweistufigem Untersetzungsgetriebe. Dieser Motor übernimmt den Hauptvortrieb im rein elektrischen Betrieb.

Zusammengeschaltet entwickelt dieses Triopack eine Systemleistung von 440 kW (598 PS) und wuchtet ein kombiniertes Drehmoment von 722 Newtonmetern auf den Asphalt. Über ein integriertes Zweigang-Hybridgetriebe (Dedicated Hybrid Transmission, DHT) kann der Verbrennungsmotor in höheren Geschwindigkeitsbereichen direkt und mit optimaler Übersetzung auf die Vorderräder durchschalten. Das Resultat ist beachtlich: Trotz des gewaltigen Luftwiderstands (cW-Wert: 0,33) und des hohen Gewichts sprintet der Haval H10 in 4,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 190 km/h elektronisch abgeregelt.

Besonders interessant ist die Drehmomentsteuerung iTVC (intelligent Torque Vectoring Control). Das System regelt die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse millisekundengenau im Bereich von 0:100 bis 100:0. Auf rutschigem Untergrund oder im Gelände kann der H10 die Kraft exakt dorthin leiten, wo Haftung vorhanden ist, ohne auf die Trägheit mechanischer Differenzialsperren angewiesen zu sein.


Die 42,8-kWh-Batterie: Vollelektrischer Alltag ohne Verbrenner-Start

Während viele in Europa verkaufte Plug-in-Hybride – wie etwa im Skoda Kodiaq iV – bei leerem Akku schnell zum durstigen Verbrenner mutieren, markiert der H10 den technologischen Anschluss an die neue Klasse der Super-Hybride, wie wir sie kürzlich beim Avatr 07L mit 39-kWh-Akku analysiert haben.

Great Wall stattet den H10 mit einem Lithium-Eisenphosphat-Akkupaket (LFP) von SVOLT aus, das über eine Brutto-Kapazität von 42,8 Kilowattstunden verfügt. Nach dem chinesischen CLTC-Zyklus reicht dieser Energievorrat für bis zu 232 Kilometer rein elektrische Fahrt. Im realistischeren europäischen Alltagsbetrieb (Stadtverkehr, Landstraße und verhaltener Autobahnanteil) entspricht dies einer praxisnahen E-Reichweite von 175 bis 195 Kilometern.

Für den täglichen Pendlerverkehr in Deutschland bedeutet das: Der 1.5-Liter-Benziner bleibt wochenlang komplett abgeschaltet. Selbst bei Autobahntempo bis zu 130 km/h bewegt sich der H10 souverän im reinen EV-Modus, da der Heck-Elektromotor ausreichend Dauerleistung bereitstellt. Erst bei extremem Kickdown oder Geschwindigkeiten jenseits von 140 km/h schaltet sich der Verbrenner unmerklich über die DHT-Kupplung hinzu.


Schnelllade-Performance: 30 bis 80 Prozent in 15 Minuten

Einer der gravierendsten Nachteile früherer Plug-in-Hybride war die miserable Ladeleistung: Viele Modelle luden an der Steckdose lediglich einphasig mit 3,7 kW oder maximal zweiphasig mit 7,4 kW, DC-Schnellladung fehlte völlig. Wer 40 Kilowattstunden Akkukapazität mitschleppt, braucht jedoch zwingend Gleichstrom-Schnellladung.

Der Haval H10 verfügt über ein 400-Volt-Bordnetz und unterstützt DC-High-Power-Charging. Laut Werksangaben gelingt der Ladehub von 30 auf 80 Prozent State of Charge (SoC) in exakt 15 Minuten. In der Spitze nimmt das Akkupaket Ladeleistungen von rund 85 Kilowatt auf, bevor die Ladekurve auf ein stabiles Plateau von 60 Kilowatt einschwenkt. Ein 15-minütiger Kaffeestopp an einer Autobahnraststätte reicht somit aus, um rund 100 bis 115 Kilometer rein elektrische Reichweite nachzutanken. Für das Laden an der heimischen Wallbox oder an öffentlichen innerstädtischen Ladesäulen ist zudem ein dreiphasiger AC-Bordlader mit 11 kW integriert – ein Feature, das bei vielen Import-Hybriden nach wie vor eingespart wird.

1.404 km Gesamtreichweite: Wie schlägt sich der H10 mit leerem Akku?

Die Achillesferse fast aller großformatigen Plug-in-SUVs ist der sogenannte Charge-Sustaining-Modus (CS-Modus), also der Betrieb bei entleerter Hochvoltbatterie. Muss ein kleiner Vierzylinder ein Fahrzeug von fast 2,8 Tonnen Leergewicht bewegen, schnellen die Verbrauchswerte bei vielen Konkurrenten auf 11 bis 13 Liter pro 100 Kilometer empor.

Great Wall kombiniert die 42,8-kWh-Batterie mit einem 70 Liter fassenden Kraftstofftank. Nach dem chinesischen Messstandard CLTC ergibt sich daraus eine theoretische Gesamtreichweite von 1.404 Kilometern. Auf mitteleuropäischen Autobahnen bei Richtgeschwindigkeit 130 km/h relativiert sich diese Zahl: Realistisch sind Gesamtdistanzen von rund 1.050 bis 1.150 Kilometern ohne Tank- oder Ladestopp.

Im reinen Benzinbetrieb (wenn die Batterie auf einem Sicherheitslevel von 15 bis 20 Prozent gehalten wird) pendelt sich der reale Verbrauch nach ersten Messungen zwischen 7,4 und 8,6 Litern Superbenzin pro 100 Kilometer ein. Ermöglicht wird dieser für ein 5,14-Meter-SUV moderate Wert durch die Funktionsweise des Hi4-Systems: Der Verbrennungsmotor arbeitet dank der zwei Gänge des DHT-Getriebes fast kontinuierlich in seinem thermischen Bestpunkt (zwischen 1.800 und 2.800 U/min). Überschüssige Energie wird sofort über den Frontgenerator in die Batterie zwischengespeichert, anstatt in Bremswärme verpufft zu werden.

Assistenzsysteme & Autonomie: Coffee Pilot 3 mit serienmäßigem LiDAR

Ein bemerkenswerter Aspekt des Haval H10 ist die serienmäßige Ausstattung mit modernster Sensorik für teilautonomes Fahren. Während europäische Premium-Hersteller selbst bei Fahrzeugen jenseits der 100.000-Euro-Grenze für Laser-Scanner (LiDAR) horrende Aufpreise verlangen oder diese gar nicht erst anbieten, sitzt auf dem Dach des H10 serienmäßig ein kompakter LiDAR-Sensor.

Das Assistenzpaket firmiert unter der Bezeichnung Coffee Pilot 3 und stützt sich auf eine redundante Hardware-Architektur:

  • 1x Dach-LiDAR: Erfasst Hindernisse, Fußgänger und verlorene Gegenstände selbst bei völliger Dunkelheit, Nebel oder tiefstehender Sonne auf Entfernungen von bis zu 250 Metern.
  • 11x Kameras: Hochauflösende 8-Megapixel-Kameras rund um das Fahrzeug für eine lückenlose 360-Grad-Umfelderfassung.
  • 5x Millimeterwellen-Radare: Für die präzise Distanz- und Geschwindigkeitsmessung anderer Verkehrsteilnehmer bei Autobahntempo.
  • 12x Ultraschallsensoren: Für automatisierte Parkmanöver in engsten Parklücken und Hinderniserkennung im Nahbereich.

Gesteuert wird das System von einer Hochleistungs-Recheneinheit, die urbane Navigationsassistenten (City-NOA – Navigation on Autopilot) ohne Abhängigkeit von hochauflösenden HD-Karten ermöglicht. Das Fahrzeug kann auf mehrspurigen Straßen selbstständig die Spur wechseln, Kreisverkehre befahren, Ampeln erkennen und automatisch an Kreuzungen abbiegen. Für den deutschen Markt müsste die Software zwar an die strengen Vorgaben der UNECE-Regelungen (Level 2+) angepasst werden, die verbaute Hardware ist jedoch voll zukunftsfähig.

Innenraum und Ergonomie: Luxus-Raumgleiter statt rustikaler Geländewagen

Wer bei der Marke Haval an einfach verarbeitete Nutzfahrzeuge vergangener Tage denkt, erlebt im H10 eine fundamentale Überraschung. Der Innenraum ist konsequent auf Premium-Komfort ausgelegt. Durch die stattliche Fahrzeugbreite von 2,05 Metern herrscht auf allen Plätzen eine außergewöhnliche Ellbogen- und Schulterfreiheit.

Im Zentrum des Armaturenträgers dominiert ein 16-Zoll-OLED-Touchscreen mit 2,5K-Auflösung, der von einem Qualcomm Snapdragon 8295 Chipset angetrieben wird. Das System reagiert verzögerungsfrei auf Eingaben, unterstützt komplexe Sprachbefehle über vier Zonen und bietet drahtlose Smartphone-Integration. Fahrer blicken zudem auf ein volldigitales 12,3-Zoll-Kombiinstrument sowie ein farbiges Head-up-Display mit Augmented-Reality-Projektion (AR-HUD).

In der sechssitzigen Konfiguration verfügt die zweite Reihe über belüftete und beheizte Einzelsitze mit integrierter Wadenauflage, Acht-Punkt-Massagefunktion und elektrischer Verstellung. Akustisch profitiert das Fahrzeug von einer serienmäßigen Doppelverglasung (Schallschutzglas) an allen vier Türen sowie einer aktiven Geräuschunterdrückung (Active Noise Cancellation, ANC), die niederfrequente Abroll- und Windgeräusche über die 16 Lautsprecher des Soundsystems eliminiert.

Technische Daten: Haval H10 (Hi4 AWD) im Detail

Die folgende Übersicht fasst alle relevanten technischen Kennwerte des Haval H10 zusammen. Alle Werte basieren auf den offiziellen Hersteller- und Homologationsdaten der Markteinführung.

Parameter
Haval H10 (Hi4 PHEV)
Relevanz / Vergleichswert
Fahrzeugtyp / Plattform
Full-Size SUV / Guiyuan (Global One)
Dedizierte Hybrid-/NEV-Plattform
Abmessungen (L × B × H)
5.138 / 5.299 × 2.050 × 1.970 mm
Auf Augenhöhe mit BMW X7 und Mercedes GLS
Radstand / Sitzplätze
3.000 mm / 5 oder 6 Sitze
Großzügige Beinfreiheit in allen Reihen
Verbrennungsmotor
1.5T Vierzylinder-Benziner (123 kW / 167 PS)
Miller-Zyklus, VTG-Turbolader, 41,5 % Wirkungsgrad
Systemleistung / Drehmoment
440 kW (598 PS) / 722 Nm
Hi4 elektrischer Allradantrieb ohne Kardanwelle
Beschleunigung 0–100 km/h
4,9 Sekunden
Sportwagen-Niveau trotz 2,75 Tonnen Gewicht
Akkukapazität (Brutto)
42,8 kWh (SVOLT LFP-Zellen)
Doppelt so groß wie bei deutschen PHEVs
Reine E-Reichweite
bis zu 232 km CLTC (ca. 180 km real)
Voller Ersatz für ein Stadt-Elektroauto
Gesamtreichweite (Kombiniert)
bis zu 1.404 km CLTC (70-Liter-Tank)
Keine Reichweitenangst auf der Langstrecke
DC-Schnellladung (30–80 %)
15 Minuten (Peak ca. 85 kW)
AC-Laden mit 11 kW dreiphasig
Sensorik / Fahrassistenz
Coffee Pilot 3 inklusive Dach-LiDAR
Serienmäßige Laser-Abtastung und 8-MP-Kameras
Startpreis in China
214.800 Yuan (ca. 27.500 Euro)
31.826 Bestellungen in den ersten 24 Stunden

Europa-Perspektive und Import-Hürden: Zölle, Homologation und UN R155

Die brennende Frage für Interessenten in Deutschland lautet: Wird Great Wall Motor den H10 offiziell nach Europa bringen? GWM ist über die Schweizer Emil Frey Gruppe bereits in Deutschland mit Modellen wie dem Wey 03 und Wey 05 vertreten. Allerdings verlief der Markteinstieg zäh, und der Hersteller hat seine Modellbezeichnungen mehrfach umstrukturiert.

Rein zollrechtlich genießt der Haval H10 einen entscheidenden Vorteil gegenüber reinen Batterie-Elektroautos (BEV): Die verschärften EU-Ausgleichszölle auf chinesische Elektrofahrzeuge greifen bei Plug-in-Hybriden nicht im gleichen Ausmaß. Für Plug-in-Hybride gilt weiterhin der standardmäßige Zollsatz von 10 Prozent, sofern keine separaten Antidumping-Verfahren eröffnet werden.

Die wahren Hürden liegen jedoch in der europäischen Typgenehmigung und Software-Zertifizierung. Seit Juli 2024 müssen alle in der EU neu zugelassenen Fahrzeuge die strengen Cybersicherheits-Richtlinien UN R155 und UN R156 erfüllen. Dies erfordert ein lückenlos dokumentiertes Software-Management und gesicherte Server-Strukturen für Over-the-Air-Updates (OTA). Zudem muss das Notrufsystem eCall nach europäischen Standards integriert sein – inklusive lückenloser COC-Papiere (Certificate of Conformity). Sollte GWM den H10 für Europa homologieren, würde der Einstiegspreis durch Transport, Importzölle, Homologationskosten und 19 Prozent Mehrwertsteuer von den chinesischen 27.500 Euro auf schätzungsweise 58.000 bis 68.000 Euro steigen. Selbst in diesem Preissegment bliebe das Fahrzeug im Vergleich zu einem BMW X7 (ab rund 105.000 Euro) oder einem Range Rover Sport preislich extrem aggressiv aufgestellt.

Schwachstellen und Kritikpunkte: Wo der Riese im Alltag aneckt

Trotz der beeindruckenden Kennzahlen ist der Haval H10 keineswegs frei von konstruktiven und praktischen Nachteilen. Ein nüchterner Blick auf die Technik offenbart mehrere Schwachstellen, die vor allem im europäischen Verkehrsraum gravierend ins Gewicht fallen:

  • Parkhaus- und Baustellenfalle: Mit einer Breite von 2,05 Metern (ohne Außenspiegel!) und einer Höhe von fast zwei Metern scheidet der H10 für die allermeisten europäischen Parkhäuser und Duplex-Garagen schlichtweg aus. In Autobahnbaustellen ist die linke Spur (oft auf 2,00 oder 2,10 Meter begrenzt) tabu. Selbst Standard-Parklücken nach deutscher DIN-Norm (2,50 Meter Breite) lassen den Insassen kaum Raum zum Öffnen der Türen.
  • Reifenverschleiß und Achslast: Mit einem Leergewicht von 2.750 Kilogramm und einem zulässigen Gesamtgewicht von weit über 3,2 Tonnen kratzt der H10 an der Obergrenze der Pkw-Klasse B (3,5 Tonnen). Bei voller Zuladung (sechs Personen plus Gepäck) bleibt kaum Nutzlast übrig. Die massiven Querkräfte führen zu einem hohen Verschleiß an den serienmäßigen 21-Zoll-Reifen und stellen hohe Anforderungen an die Fahrwerksbuchsen.
  • Begrenzte Ladeleistung im Vergleich zu 800V-BEVs: Zwar sind 15 Minuten von 30 auf 80 Prozent für einen Plug-in-Hybriden respektabel, im Vergleich zu modernen 800-Volt-Elektroautos (die denselben Hub in 10 bis 12 Minuten für einen 100-kWh-Akku absolvieren) bleibt die Ladeleistung des H10 mit maximal 85 kW überschaubar. Wer täglich Hunderte Kilometer fährt, tankt unterwegs meist Benzin, anstatt sich an eine DC-Säule zu stellen.

Fazit von Jurij Senkewitsch

Der Haval H10 verdeutlicht mit chirurgischer Präzision, woran die europäische Automobilindustrie bei Plug-in-Hybriden seit Jahren krankt: am Kleinmut. Während deutsche Hersteller Batterien mit 19 bis 25 kWh als technologische Errungenschaft feiern und für Allradantrieb nach wie vor auf schwere Kardanwellen setzen, zeigt Great Wall mit der Guiyuan-Plattform und dem Hi4-System, wie ein kompromissloses Langstreckenkonzept für das Modelljahr 2026/2027 auszusehen hat.

Mit 42,8 kWh Akkukapazität und realistischen 180 Kilometern E-Reichweite fährt dieser Koloss im Alltagsbetrieb zu 90 Prozent als reines Elektroauto – emissionsfrei, leise und spritzig. Der 1.5-Liter-Turbobenziner fungiert lediglich als thermischer Rettungsanker für Urlaubsfahrten oder anspruchsvolle Gespannfahrten, ohne dass der Fahrer jemals eine Ladeplanung studieren muss. Die 31.826 Vorbestellungen innerhalb von 24 Stunden in China sind kein Zufall, sondern die logische Quittung für ein Paket aus 598 PS, serienmäßigem LiDAR und Luxusausstattung zu einem dortigen Spottpreis.

Ist der H10 das richtige Auto für Deutschland? Für Stadtbewohner und Laternenparker in engen Wohngebieten ist dieser 5,14-Meter-Panzer eine absolute Fehlbesetzung – die Abmessungen sprengen die mitteleuropäische Infrastruktur. Für Vielfahrer mit Familie, Wohnwagenbesitzer oder ländliche Eigenheimbesitzer mit eigener Photovoltaikanlage wäre dieser Super-Hybrid hingegen die perfekte eierlegende Wollmilchsau, falls GWM den Mut aufbringt, das Modell über das hiesige Händlernetz zu homologieren. Die deutschen Premiummarken sollten diesen Technik-Vorstoß sehr genau beobachten.


Jurij Senkewitsch

Fachautor für Elektromobilität bei EvAutos25. Er spezialisiert sich auf Elektroautos, Batterietechnologien und Ladeinfrastruktur sowie auf die Analyse des deutschen und europäischen E-Auto-Marktes.

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